"Lieber ein blutiges Ohr und zufrieden."Lauter Leben, nichts als Leben begegnet uns in Helga Schuberts erstem Erzählband von 1975: Alleinstehende Freundinnen, die so allein gar nicht stehen, Anna, die nicht allzu genau ist, "mehr so, wie es Spaß macht", ein spätes Mädchen, das unverhofft einen Mann findet, "weil sie einmal war wie vorher noch nie", oder eine Familie, bei der alles drunter und drüber geht, weil das Kind einen Hund will. Lauter Leben, selbst wenn vom Friedhof die Rede ist. Mit feiner Ironie, Anteilnahme und literarischem Gespür erzählt Helga Schubert von ganz normalen Menschen in der DDR. Tragik und Komik des Alltags spiegeln sich in einer glasklaren Sprache und mit scheinbar einfachen Pinselstrichen zeichnet Helga Schubert ganze Lebensgeschichten.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 26.10.2022
Rezensent Renatus Deckert singt eine Hymne auf Helga Schubert, die vor zwei Jahren den Bachmann-Preis gewann, die zwanzig Jahre zuvor allerdings vom Literaturbetrieb ignoriert wurde . Völlig unverständlich findet Deckert das, denn Schuberts Bücher, überwiegend zu DDR-Zeiten entstanden, sprießen vor "Lebenserfahrung und Zartsinn", wie er hinzufügt. Nun also erscheint auch ihr im Jahr 1975 erstmals publiziertes Debüt "Lauter Leben" noch einmal, freut sich der Kritiker. In den Erzählungen begegnet er Helden, wie er sie von Fotografien von Helga Paris kennt, und staunt, wie wenig Striche Schubert braucht, um die Leben ihrer Figuren zu entwerfen. Er lauscht hier etwa einem einsamen Alten, der von seiner Ehe, seinem Job als Schlachter, vom Krieg und seinem Pferd erzählt oder einem Friseur, der darüber nachdenkt, wie sein Freund die DDR-Grenzer überlisten kann. Nicht zuletzt bewundert Deckert Witz, Mitgefühl und Experimentierfreude der Autorin.
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