Helene Bracht

Irma tanzt

Cover: Irma tanzt
Carl Hanser Verlag, München 2026
ISBN 9783446289604
Gebunden, 192 Seiten, 23,00 EUR

Klappentext

Helene Bracht, die erst mit fast siebzig Jahren zum Schreiben fand, erzählt von uns allen, indem sie von ihrer Mutter erzählt. Voller Wucht und Schönheit beschreibt sie den Sommer des Abschieds von ihrer alten Mutter Irma. Und damit eine zutiefst vom 20. Jahrhundert versehrte Biografie, deren Bedingungen der Tochter erst jetzt klar werden. Trotz Kriegs- und Gewalterfahrungen, trotz bürgerlicher Enge hielt Irma immer am Lachen und an der Sehnsucht fest. Vor der letzten gemeinsamen Zeit sah die Tochter sie sogar noch einmal tanzen, voller Leichtigkeit und Andacht. Was bleibt davon? Was von der Fülle eines ganzen gelebten Lebens? 

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.09.2026

Rezensentin Marie Schmidt besucht Helene Bracht in ihrer Berliner Wohnung, um mit ihr über ihr neues Buch, das Schreiben und ihr Leben zu sprechen. Erst mit 70 Jahren hat sie letztes Jahr ihr Debüt veröffentlicht, in dem es um den sexuellen Missbrauch ging, den sie als Kind erfahren hat, weiß Schmidt. Das neue Buch nimmt seinen Ausgang bei dem Schlaganfall, den die Mutter der Protagonistin Lene erleidet. Lene ist zu dem Zeitpunkt Mitte Zwanzig, sie erlebt eine "Grenzsituation", muss sich neu orientieren, wie die Kritikerin schildert, und sieht die eigenen Eltern plötzlich mit anderen Augen, kann sogar den Vater verstehen, der mit Kriegsfolgen zu kämpfen hatte und das an der Familie auslässt. Sie erlebt eine kluge Beobachterin, die in der Lage ist, "die Trennung von Verstehen und Gutheißen" zu vollziehen und die so ohne Bitterkeit und Wut über die Eltern und auch über alles, was schief gelaufen ist, schreiben kann. Dieser Blick in die Familiengeschichte ermöglicht der Protagonistin auch, die Getriebenheit im eigenen Leben als Resultat dieser Geschichte zu erkennen, erklärt die Rezensentin. Vieles davon ist aus dem Leben der Autorin übernommen, "die Arbeit an sich selbst", die sie all die Jahre bis zu ihrem Debüt auf sich genommen hat, hat sich nun in diesem gelungenen Buch niedergeschlagen, schließt sie.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 09.09.2026

Ein großes Erinnerungsbuch hat Helene Bracht laut Rezensentin Marie Schoeß geschrieben. Tatsächlich handelt es sich um eine doppelte literarische Übung in Erinnerung: Einerseits geht es um Irma, die Mutter der Autorin, die starb, als Helene Bracht noch keine 30 war. Und andererseits geht es um die Erinnerung der heute über 70-jährigen Bracht an ihr eigenes damaliges Ich. Die Erinnerung an die Mutter ruft in der Autorin vor allem Scham hervor, weil die Mutter ihr stets als zu grob und überaufgeregt erschien. Auch eine späte Liebesgeschichte der Mutter bekam Helene Bracht aus nächster Nähe mit. Insgesamt offenbaren sich in der Rückschau Generationenunterschiede, die Mutter wurde vom Krieg geprägt, die Tochter gehörte einer selbstbewussteren Frauengeneration an. Psychologisch feinfühlig ist das alles dargestellt, so die ziemlich enthusiastische Rezensentin. Ganz besonders beeindruckt ist Schoeß allerdings davon, dass Bracht auch "die Achtung vor den Grenzen der Einfühlung" bewahrt. Eine "tastende Schreibende" ist die Autorin für Schoeß, eine, die weiß, wie schwierig es ist, in die Gefühlswelt eines anderen Menschen einzutauchen; und die deshalb letztlich doch eine kluge Distanz zur titelgebenden Irma bewahrt.