Der gemeinsame Fluchtpunkt dieser Studien ist die deutsche Bildungsrevolution gegen Ende des 18. Jahrhunderts. Sie betrifft die beiden wichtigsten Kulturtechniken, Lesen und Schreiben. In der Bildungsrevolution verändert sich der elementare, rhetorische, akademische Unterricht, darüber hinaus aber auch Schule, Autorschaft, Öffentlichkeit und sogar die Sozialgliederung der Gesellschaft. Das neue Konzept der Bildung wirkt über die Unterrichtsinstitutionen hinaus, indem es eine außerschulische Praxis scholarisiert, das Selberlernen. Die Unterrichtsverhältnisse ihrerseits werden unter dem staatlichen Zugriff neu strukturiert. Dabei verschmelzen die lateinischen und die volkssprachlichen Bildungssysteme, die seit dem Mittelalter nebeneinander existierten, in einem umfassenden Bildungsapparat. Zugleich wandelt sich die ständische Öffentlichkeit der gelehrten Republik in ihr modernes Gegenstück, und der gelehrte Stand der Lateinkundigen verschwindet in der Formation der Gebildeten.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.03.2013
Dass Heinrich Bosses bildungshistorische Einlassungen nunmehr in gesammelter Form und ergänzt um drei neue Studien in Buchform vorliegen, weiß Carlos Spoerhase zu schätzen. Die Rolle und Entwicklung der Selbstbildung durch Lektüre untersucht Bosse laut Rezensent materialreich. Bahnbrechend erscheinen ihm Bosses Aufsätze insofern, als der Autor die goldene Zeit der Autodidaktik im 18. Jahrhundert erstmals daraufhin untersucht, wieso das Selbstlernen damals so attraktiv wurde (Stichwort: soziale Mobilität) und was diesen Ansatz schließlich im Keim erstickte (Verstaatlichung und Bürokratisierung des Bildungswesens).
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