Hans-Werner Sinn hat wie kein anderer in den letzten Jahrzehnten die wirtschafts- und sozialpolitischen Debatten in Deutschland und Europa geprägt. Er gilt als einer der wichtigsten Köpfe der Bundesrepublik und als einflussreichster Ökonom im deutschsprachigen Raum, seine Leistungen auf der wissenschaftlichen Weltbühne sind unbestritten. In seiner Autobiografie, die anlässlich seines 70. Geburtstags erscheint, zieht er die Bilanz eines außergewöhnlichen Lebens - von seinem Weg aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, in denen er auch mit dem Schicksal von Flucht und Vertreibung konfrontiert war, an die Spitze der Forschung.
Zu seinem Weg gehört die Mitgliedschaft zur Jugendorganisation der SPD, den Falken, ebenso wie der Einfluss durch die 68er oder die Bewunderung für Willy Brandt. Das Studium der Volkswirtschaft in Münster, Mannheim und später in Kanada veränderte seine geistigen Prägungen einschneidend und für immer. Sinn nahm Abschied von allem Ideologischen, das ihm bis heute ein Gräuel ist. Stattdessen folgt er den Regeln der Wissenschaft, bei denen es ihm vor allem auf die fortwährende Suche nach der Wahrheit ankommt - das Credo seines Lebens.
Ulrike Herrmann fragt sich, ob es die vielen Klischees in seinen Texten sind, die Hans-Werner Sinn zum Bestseller-Autor gemacht haben. Sinns Autobiografie fasst sie nur mit spitzen Fingern an. Zu langatmig, zu selbstgefällig und eitel findet sie das Buch. Die Chance auf einen interessanten Lebensabriss, der die Frage beantwortet, wie aus dem Linken Sinn ein konservativer Ökonom wurde, versäumt der Autor laut Herrmann. Viel Unsinn bei der ökonomischen Analyse entdeckt die Rezensentin auch, weil der Autor die simpelste Mathematik nicht beherrsche, wie Herrmann mit Schrecken feststellt. Umso tragischer, wenn Sinn alternative Ansätze wie die "plurale Ökonomik" einfach ausblendet, meint sie. Stilistisch neigt der Autor zu allem Überfluss zur Tautologie, schließt sie.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.02.2018
Philip Plickert schätzt den Ökonomen Hans-Werner Sinn als Mann des offenen Wortes. In Sinns praller Autobiografie erfährt Plickert über ein bewegtes Forscherleben wie über die biografischen Prägungen, die berufliche Entwicklung des Autors und die zeitgeschichtlichen Ereignisse und Debatten, die er mitgeprägt hat. Für Plickert gut erzählt und lesenswert, wenngleich mitunter etwas allzu anekdotenreich. Sinns marktwirtschaftlichen Überzeugungen und seine Meinung in der Europa-Debatte findet Plickert weiterhin bedenkenswert.
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