Hans-Ulrich Treichel

Tristanakkord

Roman
Cover: Tristanakkord
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783518411278
gebunden, 240 Seiten, 19,43 EUR

Klappentext

In "Tristanakkord" geht es um die Musik und darum, wie ein junger Mann in die Fänge eines Komponisten gerät. Er folgt diesem nach Schottland, New York und Sizilien, wo er, von dem Klangkünstler angeheuert, um an der Niederschrift von dessen Memoiren mitzufeilen, von einer seltsamen Erfahrung in die andere taumelt. Georg Zimmer, der schüchterne Doktorand aus Berlin, muß am Ende eines andante furioso erkennen, dass Meistern, die vom Himmel fallen, zutiefst zu misstrauen ist.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 24.06.2000

Dirk Knipphals beginnt seine Besprechung zweier Bücher von Hans Ulrich Treichel mit der Feststellung, dass "sich unser kleiner, feiner Literaturbetrieb in eine alte und eine neue Schule aufteilt" und die Zuordnung zu einer dieser Schulen sich am "Koeppentest", der Einschätzung des Lebenswerkes des Schriftsteller Wolfgang Koeppen festmachen lässt. Treichel rechnet Knipphals eher der alten Schule zu, die ihre "literarischen Prägungen aus kunstgläubigeren Zeiten" bezieht - wenn auch nicht ohne Ambivalenzen.
1) "Über die Schrift hinaus"
Das macht Knipphals an dem Essay fest, in dem sich Treichel in seinem Band "Über die Schrift hinaus" mit eben diesem Wolfgang Koeppen beschäftigt: Er sei eine "dezente Liebeserklärung und ein Abschied zugleich". Als besonders gelungen betrachtet Knipphals in dem Band den Essay über Hans-Magnus Enzensberger, dem Treichel nachweise, dass sich in seiner Lyrik - anders als von Enzensberger selbst postuliert - ein doch erkennbares "Ich" des Autors versteckt. Die weiteren Essays des Bandes befassen sich mit Kafka und Walser und denen, die Knipphals als "die großen Uneindeutigen" bezeichnet: Ernst Jünger, Arno Schmidt, Peter Weiss und Botho Strauß.
2) "Tristanakkord"
Zu diesem Roman meint Knipphals, dass die Ebene, der Treichel in seinen Essays präzise nachspüre, "die nämlich, auf der sich die Spuren des Lebens in der Schrift wiederfinden", hier "gut versteckt" ist. An das Einfühlungsvermögen, das Treichel in seiner vorangegangenen Erzählung "Der Verlorene" an den Tag legte, könne er mit dieser Erzählung nicht anknüpfen, vielmehr attestiert Knipphals dem Roman eine "parodistische Konstruktion", die aber "wie alle guten Persiflagen [?] ihren Gegenstand sehr ernst nimmt". Gegenstand hier ist ein junger Doktorand, der die Memoiren eines Komponisten Korrektur lesen soll und sich damit auf ein schwieriges, sich auf andere Aufgaben ausdehnendes Unterfangen einlässt. Am Schluss des Projektes scheitert er. Das hier beschriebene Scheitern sieht Knipphals wiederum als Beleg für den Konflikt zwischen oben beschriebener alter und neuer Schule, zu deren Ausformungen Treichel ein ambivalentes Verhältnis hat, bei der die alte Schule aber dennoch - "mit Ironie abgefedert" - die Oberhand behält.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.04.2000

Andrea Köhler verwendet viel Zeit darauf, den Protagonisten von Treichels Roman "Tristanakkord" und seine Lebensumstände zu beschreiben. Ein unscheinbarer, schüchterner Mensch, vom Autor "nicht ohne Schadenfreude" beobachtet, wie er aus der provinziellen Enge in den weltläufigen Wirkungskreis eines berühmten und selbstverständlich eitlen Komponisten gerät. Köhler rückt Treichel in die Nähe Walsers, mit dem er das Stilmittel der Ironie gemeinsam hat. "Das Unterpfand der literarischen Ironie ist die Ambivalenz des Helden" schreibt Köhler, was wohl soviel heißt wie, daß er einem nicht besonders sympathisch ist. Aber komisch - im Sinne von lustig - findet sie ihn schon.