Christa Wolf

Mit anderem Blick

Erzählungen
Cover: Mit anderem Blick
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005
ISBN 9783518417201
Gebunden, 192 Seiten, 14,80 EUR

Klappentext

Bald nach der Wende verbrachte Christa Wolf längere Zeit in Los Angeles. Weit im Westen, in einer fremden Welt, blickt sie auf ihr Leben im Osten des 1990 vereinigten Deutschland zurück, lässt Erinnerungen aufsteigen und nimmt mit allen Sinnen die neue Umgebung auf, die Menschen, die Landschaft am Rande des Pazifiks, das Leben in Kalifornien, in der Stadt der Emigranten, unter ihnen Bertolt Brecht, Thomas Mann und Lion Feuchtwanger. Drei Geschichten führen von diesem lebensgeschichtlichen Wendepunkt zu den Themen und Motiven, die Christa Wolf berühmt gemacht haben. In "Santa Monica" erinnert sie sich an die Leitbilder ihrer frühen Jahre, Seghers, Fürnberg, Bredel, Becher, an eine tragische Generation, die zwischen den Fronten zerrieben wurde. Wir finden jene Christa Wolf wieder, die in "Nagelprobe" Mustern ihrer Kindheit nachgeht, die "Im Stein", der Erfahrung einer Operation, neue Wege für ihre Sprache sucht, eine Selbstbefragung. "Mit anderem Blick" ist das erste Buch von Christa Wolf im Suhrkamp Verlag.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.04.2006

Die zehn nach 1989 geschriebenen Erzählungen zeigen für Rezensentin Sabine Brandt eine zunehmende "innere Stärke" der Autorin, eine Art "Befreiung". Gewissermaßen "Jahr für Jahr" habe ihr "Gehorsam" gegenüber politischen Doktrinen nachgelassen und parallel dazu die Qualität ihrer Sprache gewonnen. Kurzum, Christa Wolf sei "weise" geworden, "zu ihrem und zu unserem Vorteil". In den ersten Erzählungen, so die Rezensentin, habe Christa Wolf "erstaunlich fantasievolle Gleichnisse" für die verzwickte Lage ihres Lebensgefühls gefunden. Einer Patientin beispielsweise werde durch Lokalanästhesie zwar der körperliche Schmerz genommen, nicht aber die Angst davor. In einer anderen Geschichte erinnert sich die Erzählerin angesichts ignoranter Christen an "eine Menge einfacher Fragen", die sie sich in ihrer "gläubigen Phase" auch nicht gestellt habe. Aber auch "heiter" gehe es bei der späten Christa Wolf nun zu, wenn etwa auf zwanzig Seiten von den ambitionierten "Kochkunststücken" des Ehemannes erzählt werde. Im Vergleich zu den Romanen ist für die Rezensentin die Sprache der Erzählungen überaus "geschmeidig" und der formale Eindruck "anmutig".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 13.09.2005

Zwischen 1992 und 2003 seien die neun Erzählungen des Bandes entstanden, weiß Rezensentin Renate Wiggershaus. Drei der Texte reflektierten Christa Wolfs Aufenthalt in Kalifornien und zeigten eine von amerikanischer Leichtigkeit angesteckte "klarsichtige Beobachterin" mit Sinn für groteske Situationen. Als "zutiefst anrührend" beschreibt die Rezensentin manche Passagen der Erzählung "Begegnungen 3rd Street". Dann nämlich, wenn sich in die neuen Westküstenerfahrungen Erinnerungen an andere deutsche Exilanten wie Bertolt Brecht und Thomas Mann einmischten und "tiefgreifende Selbstzweifel und vorsichtige Selbstvergewisserungen" auslösten. In weiteren drei Texten könne man Christa Wolf als "witzige" Sprachspielerin entdecken, so die Rezensentin, mit "scheinbar" unzusammenhängenden Sätzen und Worten, allerdings auch mit "bedrohlichen Visionen". Die restlichen drei Texte wiederum seien "anderer Art", hier verstehe Wolf das Schreiben als "sezierenden Selbstversuch". Insbesondere ein Text über ihren Mann Gerhard Wolf entspreche einer solchen Vorgabe der "subjektiven Authentizität", die gleichwohl immer diskret bleibe. "Redlichkkeit und Nachdenklichkeit", schließt die Rezensentin, seien immer noch Kennzeichen von Christa Wolfs Prosa, und auch ein nun kleinerer Schuss Utopie.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.07.2005

Sehr zufrieden zeigt sich Rezensent Oliver Pfohlmann mit Christa Wolfs Erzählsammlung "Mit anderem Blick". Nicht verschweigen mag er, dass sämtliche Texte bis auf einen bereits anderswo erschienen sind: die "literarisch gewichtigeren" Texte des Bandes ("Nagelprobe", "Im Stein", "Begegnungen Third Street" und "Wüstenfahrt") sind Übernahmen aus früheren Prosasammlungen, die übrigen Texten wurden in Literaturzeitschriften, Anthologien oder als Separatdrucke veröffentlicht. Dass der Suhrkamp-Verlag, zu dem Wolf gewechselt ist, das Buch als einen Höhepunkt des Saisonprogramms präsentiert, hält Pfohlmann darum für "ein wenig dreist". Die Texte selbst, die meisten seien "unverhohlen autobiografisch", findet er ziemlich gelungen. Wie er berichtet, überwiegen die "heiteren, komödiantischen, (selbst-)ironischen Texte, geschrieben in einer unspektakulären, aber geschmeidigen Prosa". Vor allem "Er und ich" hat es ihm angetan. Der "ebenso anrührende wie humorvolle Text" gebe "frei von jeder Peinlichkeit" Einblick in das seit mehr als fünf Jahrzehnte währende Wolfsche Eheleben.