Hanns-Josef Ortheil

Die geheimen Stunden der Nacht

Roman
Cover: Die geheimen Stunden der Nacht
Luchterhand Literaturverlag, München 2005
ISBN 9783630871745
Gebunden, 382 Seiten, 21,90 EUR

Klappentext

An einem Montagmorgen erhält Georg von Heuken die Nachricht vom zweiten Herzinfarkt seines Vaters, des Großverlegers Reinhard von Heuken. Damit beginnt für ihn, den ältesten Sohn einer alten rheinischen Unternehmer-Dynastie, der Kampf um die Nachfolge und das Erbe des Vaters, der im Krankenhaus liegt und sich an den laufenden Geschäften nicht mehr beteiligen kann. Zum einen hat er es dabei mit seiner Schwester und einem jüngeren Bruder zu tun, die ebenfalls als Verleger im Familienunternehmen tätig sind, zum anderen mit einem gefeierten Autor, einer Agentin, einem Lektor und einem Biografen des Vaters, die den Kampf um die Nachfolge allesamt argwöhnisch verfolgen und mit ihren jeweils eigenen Mitteln versuchen, auf sein Ergebnis Einfluss zu nehmen. Schritt für Schritt arbeitet von Heuken daran, Terrain zu gewinnen, während er unmerklich immer mehr den Wegen und dem Zauber seines übermächtigen Vaters folgt, der in den letzten Jahren vor dem Infarkt ein verborgen gehaltenes nächtliches Zweitleben in einer Suite des Kölner Dom-Hotels führte. Um die Rätsel dieser geheimen Stunden zu erkunden, quartiert sich von Heuken in der Suite ein und entdeckt in sich allmählich Fertigkeiten und Leidenschaften, von denen er sich zuvor nicht einmal hätte träumen lassen, dass sie in ihm schlummern könnten.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.01.2006

Bestens unterhalten hat sich Anne Kraume bei der Lektüre von Hanns-Josef Ortheil Verlagsroman "Die geheimen Stunden der Nacht". Sie attestiert dem Autor, der mit Imma Klemm, der Chefin des Stuttgarter Kröner-Verlags verheiratet ist, intime Kenntnisse des Verlagswesens, und so verwundert es nicht weiter, dass der Roman alles bietet, was den Literaturbetrieb ausmacht - Lektorenkonferenzen und Agentinnen mit Netzstrümpfen, Herbstprogramme und die Termine der nahenden Buchmesse. Kraume merkt an, dass Kenner der Branche keine Schwierigkeiten haben werden, in den detailversessenen Charakterbildern Ortheils einige der prominentesten Vertreter der Branche "enttarnen" zu können. Der alte Reinhard von Heuken etwa erinnere an den alten Siegfried Unseld, der Starautor des Verlags, Wilhelm Hanggartner, an Martin Walser. Kraume hebt aber auch hervor, dass der Roman bei allen "kenntnisreichen und leicht wehmütig-ironischen Schilderungen der Verlagswelt" mehr ist als eine "augenzwinkernde Verständigung unter Eingeweihten", nämlich ein "kaschierter Initiationsroman", in dem der Sohn des Großverlegers und Patriarchen Reinhard von Heuken nach dessen zweiten Herzinfarkt endlich die Möglichkeit erhält, aus dem Schatten des übermächtigen Vaters zu treten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.12.2005

Einen so großartigen wie groß angelegten Zeitroman habe Hanns-Josef Ortheil geschrieben, begeistert sich Rezensentin Michaela Kopp-Marx, und seiner "umfassenden Archäologie der Gegenwart" ein Meisterstück hinzugefügt. Der Roman, skizziert die Rezensentin den Plot, sei aus der Perspektive eines fünfzigjährigen erfolgreichen Verlagsleiters geschrieben, dem es an einem Wendepunkt seines Lebens, am Krankenbett des Übervaters, gelinge, die richtigen Lehren zu ziehen, und einfach noch erfolgreicher zu werden. Indem er seine bisher "vergessene Gefühlsseite" entdecke, die Familiensituation analysiere, könne der Juniorchef im Konzern nun, wie verwandelt, auch mit Charme agieren und regieren. Der Sohn trete in die Fußstapfen des Übervaters nicht durch Auflehnung, erläutert Kopp-Marx, sondern durch Imitation und Mimikry. Vom Bademantel bis zur Geliebten schlüpfe er, "zunächst unbewusst", gewissermaßen in die Erfolgshaut des Vaters. Dazu bekomme der Leser eine "ganze Typologie" an Verlagsmenschen geboten, mit allen ihren "komischen bis absurden Verrenkungen". Ein "Großautor" tauche hier auf, der "unverkennbar" an Martin Walser erinnere, und der Übervater sei eine Art Siegfried Unseld. "Analytisch" sei der Roman, lobt die Rezensentin, "erfahrungsreich, humorvoll und klug", aber vor allem eine Lektüre mit "starkem Sog".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.12.2005

Rezensent Markus Clauer weiß nicht recht, wohin Hanns-Josef Ortheil mit seinem Schlüsselroman über die deutsche Literaturszene hin will, so unentschieden zeige sich das Werk: "zu brav als Skandalwerk, zu grob als Ironisierung" kommt es daher und für eine gute Nachkriegsgeschichte fehlt ihm die Tiefe, konstatiert er. Im Buch gelingt einem mittelmäßigen Verlegersohn per Zufall der Sprung an die Konzernspitze; der Protagonist setzt sich gegen den eigenen Bruder durch und spannt am Ende dem senilen Vater sogar die Geliebte aus. Eine Geschichte, die sich mit der Generation des Autors auseinandersetzt, Martin Walser karikiert und dabei "nicht übermäßig gelungen" ist. Der Stil ist zwar Walsers "Tod eines Kritikers" nachempfunden, über ein "Nachbeben" dieses Werks komme Ortheils Geschichte jedoch nicht hinaus. Dazu ist sie einerseits nämlich "zu brav und gleichzeitig zu grob".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.11.2005

Mit einem großen Aufwand an vielen glänzenden Details habe Hanns-Josef Ortheil einen Entlarvungsroman über die so kleine wie vermeintlich graue Welt der Belletristikverlage geschrieben, bemerkt Rezensent Thomas Steinfeld. Der Verlegersohn mit rotem Sportwagen, sein so alter wie vitaler Vater, der eitle Schriftsteller mit übergroßem Hut, alle Personen und selbst noch die Gebäude seien unschwer bis "überdeutlich" zu erkennende Personen und Realien aus der Verlagswelt, die mal Frankfurter, mal Kölner Züge trägt. Doch auf seine Kosten gekommen fühlt sich der rezensent offenbar nicht, der mit erstaunlichen Furor diesen Roman verreißt. Statt Recherche präsentiere Ortheil  im Wesentlichen Tratsch. Gerade wenn es um den "ideellen Kern" des Gewerbes gehe, beim Buch und beim Schriftsteller, "entpuppt sich der Autor als Verräter", schimpft der Rezensent verärgert. Denn im Zentrum seines eigenen Romans habe er einen Romancier platziert, dessen Person und Werk er als "billig und schäbig und windig" entlarve. Diese Strategie wird vom Rezensenten seinerseits  als "protestantisch" entlarvt, vor allem aber ignoriere sie "das hohe Maß an Stilisierung und Erfindung" beim denunzierten Schriftsteller, der deutlich die äußeren Züge von Martin Walser habe, aber keine der Qualitäten des "echten Martin Walser". "Mitmachen-Wollen und Darüber-Stehen", befindet der Rezensent, seien die Kennzeichen des Tratsches, aus dem Ortheils Roman zum großen Teil bestehe.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.09.2005

Einen Abgesang auf die gute alte Zeit, in der Verlage schwarze Zahlen schrieben und nicht nur jammerten, liest Rainer Moritz aus Hanns-Josef Ortheils Generationenroman heraus. Im Mittelpunkt steht ein Vater-Sohn-Konflikt: Georg von Heuken leitet einen Verlag, der zu einem erfolgreichen Familienunternehmen gehört. Oberster Chef ist jedoch sein Vater, der sich nicht mit seiner Nachfolge beschäftigen will - bis er zusammenbricht und sich seinen drei machtstrebenden Kindern konfrontiert sieht. Der Rezensent ist begeistert von der "psychologisch dichten, traditionell erzählten, unterhaltsamen" Geschichte, wittert aber an einigen Stellen Anflüge von Kolportage, und auch die Pointe, wenn Vater und Sohn zum Hahnenkampf um dieselbe Frau antreten, hätte seiner Meinung nach stärker ausfallen können. Auch missfällt ihm das "weichgezeichnete Porträt eines Egomanen", des Schriftstellers Wilhelm Hanggartner, den er als Abbild Martin Walsers interpretiert und der, bedauert Moritz, den Roman in eine falsche Richtung lenkt.
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