Gunther Geltinger

Mensch Engel

Roman
Cover: Mensch Engel
Schöffling und Co. Verlag, Frankfurt am Main 2008
ISBN 9783895613661
Gebunden, 272 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Leonard Engel steht an einem entscheidenden Punkt seines Lebens: Die geliebte Kindheit in Mainfranken ist vorbei, das Abitur bestanden, die Zukunft voller Möglichkeiten, doch die erste Liebe zu seinem Freund Marius weicht schnell einer großen Leere und dem Gefühl, dass mit ihm "etwas Grundsätzliches nicht stimmt". Aus erotischen Verwirrungen und inszenierten Exzessen flieht er zum Studium nach Wien, wo ihn die Intrigen seiner Leidensgenossin Feline in die Arme des Strichers Tiago treiben. Weder ein Sprung in die Donau noch der Aufbruch zur Schwester nach Südfrankreich verheißen einen Ausweg aus dem Alptraum. Erst in der Begegnung mit Boris findet die rastlose Suche ihr Ziel. Besessen von dem Wunsch, mit diesem Menschen sein Leben zurückzuerobern, beginnt er, seine Geschichte aufzuschreiben. Es entsteht das leidenschaftliche Selbstporträt eines jungen Mannes, der unter den Menschen, im Reich der Tiere und in der Welt der Engel gleichermaßen seine Wahrheit sucht und dabei ganz nebenbei erzählt, warum das Leben eigentlich nicht zu bestehen ist, und wenn doch, dann nur mit Hilfe der Literatur.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.01.2009

Rezensent Jens Bisky mag dieses Buch nicht. Was nicht so sehr daran liegt, dass der Autor darin eine unendlich oft erzählte Geschichte noch einmal erzählt. Die vom jungen Mann (hier ist er schwul) nämlich, der hinausgeht in die Welt, vom eigenen Genie überzeugt, und dem die Welt dann klarmacht, dass nicht jeder Baum in den Himmel wächst. Das muss, so Bisky, immer aufs Neue erzählt werden, denn es ist eine allgemeingültige Erfahrung. Was man aber nicht machen darf, was der Autor aber mache, das ist: dieses Allerweltsschicksal "aufzuplustern". Mit einem Brasilianer, in den sich verliebt werden muss. Und mit einem Erzähler, der immerzu auch noch sein Erzählen kommentiert. Was dabei dann herauskommt, das, so Bisky ungnädig, ist - den schönen, auch zitierten Satzperioden zum Trotz - "Kunstgewerbe". Also rät er ab.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.12.2008

Ina Hartwig ist von Gunther Geltingers Debütroman "Mensch Engel" sehr beeindruckt, und das, obwohl sie dem Autor unumwunden beipflichtet, es handele sich um ein "uncooles" Buch. Der Roman ist das Ergebnis einer Selbsterforschung durch den alles Normale verabscheuenden Leonard Engel, der darunter leidet, nicht lieben und nicht schlafen zu können und sich zudem regelmäßig selbst verletzt, erzählt die Rezensentin. Großartig findet sie, wie der Autor Engels Zelebrieren alles "Kaputten" inhaltlich und formal ins Werk setzt und so den Balanceakt zwischen der Psychologie des Helden und der "übergeordneten Poetik" seines Romans meistert. Dabei weist Hartwig darauf hin, dass es Geltinger nicht darum geht, erotische "Räume zu erobern", auch wenn er unerschrocken in einer "grandiosen Szene" Engels Erfahrungen mit dem Stricher Tiago in einer Wiener Schwulenbar ausleuchtet, wie sie applaudiert. Genauso wenig aber versuche der Autor, seinen Helden zu "heilen" und so ist dieser Roman laut der begeisterten Rezensentin ein sehr wahrhaftiges, aber eben auch ein sehr "trauriges Buch" geworden.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.11.2008

Einen jungen Mann, der unverankert durchs Leben treibt, hat dieser Roman zum Helden. Erzählt wird die Geschichte des Leonard Engel, und zwar von ihm selbst im Rückblick auf die eigene Vergangenheit. In der Gegenwart ist er neunundzwanzig und keineswegs von Selbstzweifeln frei. Schlimmer aber, viel schlimmer dran ist der Erzähler als jüngerer, nämlich heranwachsender schwuler Mann, dessen Depressionen und Selbstmordversuche der ältere Engel mal in der ersten, aber auch in der zweiten und dritten Person schildert. Und zwar "in wilden Sprüngen", wie die Rezensentin Sandra Kerschbaumer konstatiert, die hier ein "Borderline"-Syndrom ausmacht, dem durch die Liebe vielleicht abzuhelfen wäre. Man gewinnt aus Kerschbaumers sehr engagierter Rezension nicht den Eindruck, dass es sich um ganz leichte, sehr wohl aber den, dass es sich um eine überaus lohnende Lektüre handelt.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 15.10.2008

Am Ende seiner Rezension von Gunther Geltingers Debütroman "Mensch Engel" hört man Christoph Schröder aufatmen wie einen Klassenlehrer, dessen liebster Problemschüler die Abschlussprüfung wider Erwarten doch bestanden hat: "Mensch Geltinger, klasse gemacht." Dabei sieht Schröder während der Lektüre händeringend zu, wie Geltingers Roman immer wieder haarscharf am Abgrund vorbeischramme. Nach Schröders Ansicht treibt es Geltinger sowohl mit der Sprache als auch mit der Handlung immer wieder bis zum Äußersten in diesem Roman, der gleichzeitig eine schwule Initiationsgeschichte und eine "Depressionsgeschichte" sei. Randvoll mit Pathos, Wahnsinn, Schmerz und dergleichen sei "Mensch Engel", berichtet der Rezensent. Dass er dennoch nicht abstürze, liege daran, dass alles Übertriebene dem manisch-depressiven Ich-Erzähler Leonard Engel in den Mund gelegt werde - getreu der Devise: "Ich weiß um jede Peinlichkeit und lasse sie trotzdem stehen." Dass die Peinlichkeiten dann tatsächlich auf dem Papier stehen bleiben, merkt Schröder zwar leise an, es stört ihn jedoch nicht weiter. Im Gegenteil lobt er den Roman als "ästhetisch glaubhaft".