Wir wissen schon ziemlich genau, wie einer zum Nazi wird. Aber wie verlernt man einer zu sein? Eisner ist nicht der, der er zu sein vorgibt. Als hochrangiger Mitarbeiter der SS-Organisation "Ahnenerbe" heißt er Josef Engler. 1945 schafft er sich als Josef Eisner eine neue, humanistischen Prinzipien verpflichtete Identität. Er wird zum angesehenen Literaturwissenschaftler, der unter Ausschluß der persönlichen Geschichte die mörderischen Irrtümer seines ersten Lebens korrigieren will. Als der Betrug auffliegt, sucht sein ehemaliger Assistent Roland Klement nach Antworten. Was bedeutet es, mißtrauen zu müssen? Wohin führt es einen, der gelernt hat, die Dinge auf Abstand zu halten, wenn ihn sein Leitbild und Förderer radikal enttäuscht? Was bleibt, wenn sich die Lebensgeschichten nicht mehr zusammenfügen lassen, wenn die Annahmen, in denen man es sich eingerichtet hat, nicht mehr gelten und die Flucht in schnelle Urteile ebenso unmöglich wird wie ein Fazit?
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 13.09.2005
Nicht der Kunstmann sei die Hauptfigur, sondern sein Schüler, weiß Rezensent Samuel Moser, und nur vordergründig gehe es Gudrun Seidenauer um die Nazivergangenheit und Schuld des einen, vielmehr um das Seelenheil des anderen. Denn der wissenschaftliche Mitarbeiter des "vergötterten" Germanistikprofessors Eisner muss irgendwann erkennen, dass er dessen Lügen- und Vertuschungssystem in Form seiner literaturwissenschaftlichen Weltanschauung selbst verinnerlicht hat. Die Kunst hat nichts mit dem Leben zu tun, sei das Credo des Professors gewesen, so Moser, und der Schüler erkenne in einer bedeutungsschweren Szene, als er vor einem Holbein-Gemälde auf den Totenschädel blickt, dass er bis ins Mark infiziert war und ist. "Spannend" und "auch etwas lustig" werde es trotz der schwergewichtigen Konstruktion am Schluss des Romans, atmet Rezensent Moser auf, wenn die Autorin den Professor kurzerhand sterben und den nun eifrig dessen Nazi-Vergangenheit recherchierenden Schüler unbefriedigt zurück lasse.
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