Gertrud Kolmar

Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk

Sämtliche Gedichte in drei Bänden
Cover: Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk
Wallstein Verlag, Göttingen 2003
ISBN 9783892444992
Gebunden, 1248 Seiten, 98,00 EUR

Klappentext

Gertrud Kolmar gilt als gleichrangige Lyrikerin neben Annette von Droste-Hülshoff und Else Lasker-Schüler, doch sind ihre Arbeiten, die in der Zeit des Nationalsozialismus durch den Einsatz der nächsten Verwandten vor der Vernichtung bewahrt wurden, bis heute noch relativ unbekannt geblieben. In der vorliegenden kommentierten kritischen Ausgabe werden erstmals sämtliche Gedichtzyklen in der von Gertrud Kolmar jeweils selbst bestimmten Reihenfolge ohne veränderte oder zusätzliche Überschriften und sonstige, insbesondere Orthographie und Zeichensetzung betreffende, Eingriffe gedruckt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.01.2006

Auswahlbände mit Texten von Gertrude Kolmar gab es zwar etliche, aber erst jetzt liegt ihr Werk in "zuverlässigen, kritischen Ausgaben" vor, freut sich Walter Hinck. In seiner Kritik der von Regina Nörtemann herausgegebenen dreibändigen Lyrikedition konzentriert sich der Rezensent vornehmlich auf die Gedichte, die als "Hauptpfeiler" ihrer literarischen Arbeit gelten. Die 1894 in Berlin geborene Autorin, die vermutlich 1943 in Auschwitz ermordet wurde, galt schon ihren früheren Herausgebern als "phänomenales lyrisches Talent", teilt Hinck mit. Über die frühen Gedichte, die seit 1917 entstanden, bis zum lyrischen Spätwerk lässt sich eine Entwicklung vom der Tradition verpflichteten gereimten Gedicht bis zu reimlosen, in freien Rhythmen schwingenden Versen beobachten, so der Rezensent, der als Hauptthemen dieser Lyrik das "Mutter-Kind-Verhältnis", die jüdische Identität und schließlich die Französische Revolution ausmacht. Besonders eindrücklich ist Hinck der "Ton der Sehnsucht nach einem Kind", der sich wie ein "Basso ostinato" durch die Gedichte zieht, wie er feststellt. Etwas seltsam mutet ihm dagegen die Verherrlichung der Figur des Robespierre als "messianische" Erlöser-Figur an, die dem heutigen Leser, nicht zuletzt durch die Erfahrungen mit Hitler, "noch unheimlicher geworden" sind, wie der Rezensent meint. Dennoch, alles in allem ist das literarische Werk Kolmars "große Poesie", preist Hinck, der auch die Kommentare und das Nachwort der Herausgeberin als erhellend würdigt.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.03.2004

Geradezu euphorisch feiert Rezensent Burkhard Müller in einer Mammut-Besprechung das "einzigartige lyrische Werk" der jüdischen Dichterin Gertrud Kolmar, das nun "endlich", von Regina Nörtemann herausgegeben, in einer großen Werkausgabe vorliegt. Müller würdigt die Autorin, die zu Lebzeiten kaum etwas veröffentlichte und 1943 in Auschwitz ermordet wurde, als "Fixstern der deutschen Literatur" und gibt seiner Hoffnung Ausdruck, die neue Ausgabe möge helfen, Kolmars einzigartige Stellung zu erkennen und die "elende Vergleicherei" zu beenden. Müller zitiert dann gleich mehrere Gedichte, um in schwärmischer Exegese ihre Schönheit und Einzigartigkeit zu rühmen. Letztere sieht er darin, dass Kolmars Gedichte die Scheidung der Instanzen Autor, Leser und Werk außer Kraft setzt, so dass das Gedicht zum "Band zwischen Gebenden und Nehmenden" wird. Daneben ist es die Sprache der Schönheit, derer sich Kolmar bedient, die Müller so begeistert. Für ihn steht fest: Kolmar schreibt die "schönsten Gedichte" des 20. Jahrhunderts - eine Schönheit, die indes nicht auf Glätte hinausläuft. Rundum positiv fällt auch Müllers Urteil über die dreibändige Ausgabe selbst aus. So er lobt ihre Zuverlässigkeit, ihre schöne Aufmachung und nicht zuletzt ihre wissenschaftliche Solidität, die nicht "apparat-überfrachtet", sondern auf die "Leichtigkeit und Freude des Lesens" bedacht sei.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.12.2003

Durchwegs positiv beurteilt Rezensent Manfred Koch diese von Regina Nörtemann besorgte Edition des lyrischen Werks der 1943 in Auschwitz ermordeten Gertrud Kolmar, die neben Else Lasker-Schüler und Nelly Sachs als größte jüdische Lyrikerin der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts gilt. Thematisch geht es in vielen Gedichten Kolmars um die Erfahrung von Fremdheit, Ausgrenzung und Diffamierung der deutschen Juden, die sie im Bild verfolgter Tiere behandelt, berichtet Koch. Kolmar denke dabei die zwischenmenschliche Grausamkeit zusammen mit dem Verlust einer ursprünglichen zwischengeschöpflichen Solidarität. Das Gedicht "Tag der großen Klage", in dem Kolmar die geschundenen Tiere ein Tribunal über die Menschen abhalten lässt, würdigt Koch als eine der "gewaltigsten apokalyptischen Visionen der deutschen Literatur des 20. Jahrhunderts". Koch hebt hervor, dass Nörtemanns Edition die erste textkritisch zuverlässige Kolmar-Ausgabe überhaupt ist und sämtliche Gedichtzyklen in der von Kolmar bestimmten Reihenfolge der Texte abdruckt. Den umfangreichen Kommentar zum Werk lobt Koch nicht nur wegen seiner "äußerst hilfreichen Sacherläuterungen", sondern auch wegen der Hinweise zur Datierung und zur Publikationsgeschichte. "Mit Fug und Recht" könne behauptet werden, so Koch, "dass mit dieser Ausgabe eine neue Epoche der Kolmar-Forschung beginnt".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 11.12.2003

Viel zu sehr ist die Sicht auf Gertrud Kolmar, klagt Jan Bürger, noch von ihrem schrecklichen Ende in Auschwitz bestimmt. Der Lyrikerin vor allem der 20er Jahre sei mit dieser Fixierung jedoch gerade nicht beizukommen. Ihre hier nun wieder zugänglichen Gedichte suchen nicht Tiefe, sie sind "verspielt", die Reime sind "eingängig", noch die profansten Dinge bedichtet sie. Von den "erotischen Versen" ganz zu schweigen - und dass man deren Explizitheit immer wieder als Versehen betrachtet, Kolmar als "prüde Jungfer" begreifen wollte: nichts als ein lächerliches Klischee, stellt Bürger fest. Umso schöner, dass diese Ausgabe ihres Hauptwerks nun "endlich unverfälscht" vorliege. Kleine Schönheitsfehler fallen da kaum ins Gewicht, sei es der etwas schmal geratene Stellenkommentar oder das im Gegenzug arg umfangreiche Nachwort. Der Interpretationen der Herausgeberin hätte es, meint der Rezensent, auch nicht bedurft, jedenfalls nicht im Anhang, aber alles egal: Das große lyrische Werk der 20er Jahre (nach 1933 werden die Gedichte dagegen sehr konventionell) gilt es in seinem ursprünglichen Zustand wieder zu entdecken. Diese Ausgabe bietet, so Bürger, die beste Gelegenheit dazu.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.11.2003

Jan Wagner freut sich in doppelter Hinsicht über die "Großtat" des Wallstein Verlags und Regina Nörtemanns, die diese wichtige und "notwendige Kostbarkeit" nun dreibändig herausgebracht haben. Endlich sei das lyrische Werk von Gertrude Kolmar vollständig erhältlich, und dass auch noch in einer gelungenen Ausgabe, "die der unbekannten Klassikerin endlich gerecht wird". Als zwei "sehr lesenswerte Beigaben" empfiehlt Wagner den Robespierre-Essay und das schmale Kapitel mit bisher unbekannten Gelegenheits- und Scherzgedichten. Und auch das "informative und anregende" Nachwort der Herausgeberin findet das Wohlwollen des Rezensenten. Die vorliegenden Bände haben das Zeug, schließt Wagner, Kolmars Namen "dauerhaft inmitten der Lesenden zu verankern".
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