Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 21.11.2001
Das Buch des "Göttinger Neutestamentlers" Gerd Lüdemanns über die historischen Umstände der Entstehung des Christentums, knüpft nicht an die amerikanische Forschung an, die das traditionelle Erklärungsmuster in Frage stellt, nach dem das Christentum eine "Tochterreligion" des Judentums ist, so Rezensent Ekkehard W. Stegemann. Ganz im Gegenteil: Lüdemann führe die Ursprünge des Christentums auf eine einzige zentrale Person zurück, auf Paulus von Tarsus, womit er das sich ausdifferenzierende Christentum gerade nicht wie die amerikanische Forschung als langwierigen, religiös-kulturellen und sozialen Prozess begreife. Diese These ist laut Stegemann nicht neu, da es bereits Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts solche Erklärungen zur Entstehung des Christentums gab. Die Darstellung von Paulus' Leben und Wirken sowie die Kommentare zu wichtigen Briefstellen findet der Rezensent jedoch im Großen und Ganzen "diskutabel" und "ausführlich". Die Wahrheit eines solchen "Gründungsmythos" wie ihn Lüdemann vorlegt zweifelt Stegemann aber stark an: Die Einflüsse von "machtpolitischen und soziokulturellen Transformationsprozessen" würden durch solche "genieästhetischen Historisierungslegenden" komplett unterschätzt.
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