Aus dem Französischen von Jadja Wolf. Gabriel Tarde war zu Lebzeiten neben Emile Durkheim die Hauptfigur der Soziologie in Frankreich. In seinem Hauptwerk Die Gesetze der Nachahmung von 1890 entwirft er eine Soziologie, die die Erklärung jeglicher gesellschaftlichen Veränderung aus dem Begriff der "Nachahmung" gewinnt: "Gesellschaft ist Nachahmung!" Anstatt den Blick auf Individuen und Gruppen zu richten, konzentriert sich Tarde auf die Handlungen und Ideen, nach denen diese Individuen und Gruppen klassifiziert werden. An ihnen liest er die Variablen und Regularitäten ab, die das Muster des Sozialen bilden. Diese Gesetzmäßigkeiten und die fundamentale Rolle der Nachahmung für soziale Phänomene überhaupt untersucht Tarde anhand einer Fülle von konkreten Beispielen aus allen Bereichen der Gesellschaft. Entstanden ist ein Meisterwerk der Soziologie, dessen Einfluss u. a. auf Gilles Deleuze, Bruno Latour, Peter Sloterdijk und die moderne Theorie der Meme von seiner ungebrochenen Aktualität zeugt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 24.11.2010
Eine Revision steht an, meint der Rezensent Martin Stempfhuber, und zwar des ganzen Fachs der Soziologie. Nach abseits der Disziplin stehenden Denkern wie Deleuze/Guattari bringt nun auch der abtrünnige Bourdieu-Schüler Bruno Latour den frühen Soziologen Gabriel Tarde wieder ins Spiel. Der hatte einst die Fehde um die Grundlegung der Soziologie gegen den Kollegen Emile Durkheim verloren. Gegen dessen vermeintliche "soziale Tatsachen" führte Tarde das Prinzip der "Nachahmung" als Basisfaktor des Gesellschaftlichen ins Feld. Von heute aus kann man sehen, so Stempfhuber, welche Vorzüge dieser Gegenentwurf hat. In der Nachahmung, wie Tarde sie denkt - nämlich ohne Akteur mit stark wirkender Intentionalität -, ist die Variation und also der Wiederholung die Differenz stets schon eingeschrieben. Da liegt ein wichtiger Unterschied zu den starr gedachten Oppositionen der Strukturalisten. Am Beispiel des Händeschüttelns führt Tarde das nach Ansicht des Rezensenten zwar zeitgebunden, aber sehr überzeugend vor. Anwendbar wäre das heute sehr wohl, so Stempfhuber, auf die Massenmedien, die weltweite Ähnlichkeiten ausprägen, bei deren Rezeption Differenzen andererseits niemals ausbleiben.
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