Friedrich Kittler

Musik und Mathematik - Band 1: Hellas. Teil 1: Aphrodite

Cover: Musik und Mathematik - Band 1: Hellas. Teil 1: Aphrodite
Wilhelm Fink Verlag, München 2006
ISBN 9783770537822
Gebunden, 409 Seiten, 39,90 EUR

Klappentext

Die beiden Worte, die den Titel einer Tetralogie aus Hellas, Roma Aeterna, Hesperien und Turing-Galaxis bilden, stehen für die Wurzeln von Kunst und Wissen: "musike", die Lust des Singens, Tanzens, Spielens heißt nach der Muse, die im Herzen alles aufbewahrt und daher davon sagen kann. Musik macht also nach, was Musen tun, seit sie auf ihrem Götterberg mit allem Singen angehoben haben. Aus fast dem selben Ursprung stammt "mathesis", das Lehren im allgemeinen, und Mathematik, das Denken über Zahlen im besonderen. Bei Homer heißt "mathein" nämlich noch nicht zählen oder rechnen, wie Aristoteles gelehrt hat, "mathon" nennt vielmehr ein dunkles Wissen, das Helden erst nach Jahrzehnten des Erfahrens in Fleisch und Blut gegangen ist. Unter den wenigen Reimen, die in Griechenohren widerhallten, blieb der alte Spruch von "pathein/mathein", leiden und lernen unverloren.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.09.2006

Ausführlich widmet sich Hans-Ulrich Gumbrecht diesem ersten Halbband von Friedrich Kittlers vierteiligem Werk über "Musik und Mathematik". Für Gumbrecht ist Kittler der Erfinder einer neuen intellektuellen Empfindsamkeit. Die Erwartungshaltung ist also hoch. Enttäuscht wird sie nicht. Wie der Autor seine Feier des "Vokalalphabets" mit Homer gestaltet, wie er die antike Welt, Kunst und Wissenschaft in ihm konvergieren lässt, macht Gumbrecht mächtig Eindruck. Kittlers Auffassung der Begriffe "Sein" und "Seinsgeschichte" verfolgt der Rezensent bis hinauf auf den Todtnauberg und erklärt sich ihre epische Anwendbarkeit mit der Verquickung mit Hegelschem Sprachzentrismus. Wozu? Um von der sprachlichen Selbstreferenz zurück ins physische Sein zu finden, meint Gumbrecht, erwartet aber weitere Erklärungen in den kommenden Bänden der Tetralogie. Was die Form betrifft, zeigt sich Gumbrecht schon jetzt zufrieden: Kittlers Kenntnis der Forschungsliteratur, seine Faktenorientiertheit und "mythografische Verve" sieht er in einer Weise kombiniert, die ihn den Vergleich des Bandes mit den Griechenland-Büchern Nietzsches und Burckhardts nicht scheuen lässt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2006

Jürgen Busche bekennt, dass er das Buch von Friedrich Kittler nach dreißig Seiten am liebsten wieder zugeschlagen hätte und auch nach hundert oder zweihundert Seiten nicht sicher ist, warum er es nicht "umstandslos aus der Hand" gelegt hat. Um zu ergründen, warum das Buch "bei Gebildeten und Gelehrten Unlust" erzeugen wird, macht sich der Rezensent zwar kenntnisreich aber ziemlich umständlich daran, den Gedanken- und Argumentationsgang des Autors nachzuvollziehen. Dessen Hauptthese besteht darin, alles "Griechische", von der Dichtung bis zur Wissenschaft und Religion, hänge mit der Sexualität zusammen und werde nur daraus verständlich, erklärt der Rezensent, der nicht von Ungefähr darauf hinweist, dass Kittler der 1968er Generation angehört. Die beeindruckende Zahl an "sprachwissenschaftlichen und mythologischen Hinweisen" zur griechischen Geschichte begegnet Busche mit "Misstrauen", weil sich der Autor kaum je die Mühe macht, seine Quellen offen zu legen. Viele der Anmerkungen zu Homer findet der Rezensent "undiskutabel" und die Thesen zur griechischen Geschichte hält er insgesamt für zu "einseitig" und deshalb häufig für "falsch", ohne allerdings auf Einzelheiten einzugehen. Immerhin regt manches in dem Buch zu einer anderen Perspektive auf die Griechen an, räumt der Rezensent ein, der den Thesen des Autors gegenüber aber "skeptisch" bleibt.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.03.2006

"Ratlosigkeit" befällt Christian Schüle bei der Lektüre von Friedrich Kittlers Gedanken zum Zusammenhang von "Musik und Mathematik". Kittler, den Schüle als "Textweber" charakterisiert, arbeite an nichts weniger als einer "radikalen Revision der Zivilisationsmythologie", wenn er die Schöpfung Europas in der musikalischen Sphäre verortet. Der Rezensent hatte allerdings seine Schwierigkeiten mit Kittlers Argumentation und seufzt: "Warhnehmbare Auf- und Ableitungen sind Kittlers Sache nicht." Am Ende bleibt Schüle nichts übrig, als auf die nächsten Bände zu hoffen, von denen er sich "Muße, Trost und Rat" verspricht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.03.2006

Gemischte Gefühle löst das neue Werk des Kulturwissenschaftlers Friedrich Kittlers bei Johann Schloemann aus. Er scheint ebenso beeindruckt wie skeptisch. Als Wissenschaft im strengen Sinn lässt Schloemann das Buch über Homers "Odyssee", die Macht des Gesangs, bezaubernde Nymphen, den Zusammenhang von Schrift Poesie und Sex sowie der "Musikmathematik" des Pythagoras allerdings nicht durchgehen. Vielmehr sieht er darin "ein gleichermaßen detailversessenes und ungenaues, ein assoziatives, enthusiastisches Stück Hobby-Gräzistik". Neben "schönen Denkspielen, Verbindungen, Übersetzungen und Literaturwürdigungen" findet er darin "wissenschaftliche Unzulänglichkeit" und "schwärmerischen Dilettantismus". Immer wieder würden Argumente durch "raunende Etymologien" ersetzt. Kittler, für Schloemann "Deutschlands nutty professor", kann es sich offensichtlich leisten. Streckenweise hat Schloemann durchaus "Spaß" an der Lektüre des Buchs. Keinen Spaß macht es ihm, darüber nachzudenken. Insgesamt wertet er das Werk als ein Dokument der "unseligen exzessiven Segmentierung der Geisteswissenschaften."
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