Stuttgart ist die Stadt der Stunde. Hier führt mit Winfried Kretschmann der erste grüne Ministerpräsident eine ökologisch-christdemokratische Koalition. Hier ist fast jeder Fünfte in der Automobilindustrie beschäftigt, die Region ist von den bevorstehenden Transformationen der Arbeitswelt daher besonders betroffen. Hier erschüttert das Bahnhofsneubauprojekt "Stuttgart 21" nicht nur den Boden unter dem Stadtzentrum, sondern auch den Zusammenhalt der Gesellschaft und das Vertrauen in die Demokratie. Hier ist schließlich im Zuge der Corona-Pandemie eine postmoderne Protestbewegung entstanden, die ihren Unmut mit schwäbischer Gründlichkeit bis in die Bundeshauptstadt exportiert. Man könnte meinen, der berühmte Stuttgarter Talkessel sei in Wirklichkeit eine riesige Petrischale: Was hier keimt, wird demnächst auch im Rest der Republik virulent werden.
Rezensent Ulrich Rüdenauer gesteht dem Kollegen aus dem Feuilleton Expertise in Sachen Stuttgart zu. Florian Werners Buch über die Stadt am Neckar als Zukunftslabor kann er nach anfänglicher Skepsis einiges abgewinnen. So kann ihn Werner etwa davon überzeugen, dass hier die Zukunft der Mobilität entschieden wird, dass überhaupt heiße Themen wie Klimawandel hier entscheidende Impulse erfahren und dass gerade im Mix aus schwäbischer Ordnungsliebe und Irrationalismus Neues entstehen könnte. Ein pointiertes, kluges und auch noch witziges Buch, urteilt Rüdenauer schließlich.
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