1999 Meter über dem Meer
Roman

Rowohlt Verlag, Hamburg 2026
ISBN
9783498007713
Gebunden, 368 Seiten, 24,00
EUR
Klappentext
Der Selbstfindungstrip nach Bali? Samara hat niemanden gefunden. Die hippe Agentur in Berlin-Mitte? So öde wie irgendein anderer Job. Samara weiß, was sie alles nicht mehr will. Aber was sie will, das weiß Samara nicht genau. Vielleicht ein Leben, in dem sie sich nicht wie eine Fremde fühlt?Jetzt hat sie knallorange gefärbte Haare, einen schönen alten Wagen und überall, wo sie ankommt, einen neuen Namen. Und aufwärts soll es gehen, also richtig nach oben, hoch in die Schweizer Alpen nach St. Moritz. Da kommt ein wunderschöner Mann mit eisblauen Augen her, den Samara in Berlin kennengelernt hat und der ihr nicht aus dem Kopf geht. Überhaupt gibt es viele schöne und reiche Menschen in St. Moritz - mittendrin Samara, die jetzt nicht mehr Samara heißt. Und keine Hochstaplerin ist, sondern erfolgreiche Künstlerin. Dann ist auf einmal der wunderschöne Mann wieder da. Und vielleicht fängt die Geschichte jetzt erst an …
Rezensionsnotiz zu
Die Welt, 31.08.2026
Manche Passagen aus Caroline Wahls neuem Roman könnte Rezensent Julian Theilen auch als "Second Screen" neben einem laufenden Fernseher lesen, so flach sind sie. Den Erfolg möchte Theilen Wahl gar nicht absprechen, auch findet er, dass sie sich in den Sozialen Medien klug präsentiert. Leider haben manche Abschnitte hier wirklich den "Esprit eines Kochrezepts", seufzt er: Samara, die Protagonistin langweilt sich auf Bali, spürt viel innere Leere, hält es zurück in Berlin auch in der PR-Agentur nicht aus und reist nach St. Moritz. Währenddessen kann man ihr bei den banalsten Alltagstätigkeiten zusehen, die dann auch so kommentiert werden, wie der Weg zum Gefrierfach: "Eiswürfel. Geil." Wahls Protagonistinnen haben aber durchaus einen Nerv getroffen, gibt der Kritiker zu, und auch mit den Fragen, wie viel Geld man mit Literatur verdienen darf und ob man diesen Reichtum überhaupt auch wollen darf, hat sie wichtige Diskussionen angestoßen. Am Ende findet Wahl dann auch zu einer "fesselnden" Stimme, lobt Theilen. Dass sie ihrer Figur einen Migrationshintergrund gegeben hat, dürfte noch für Diskussionen sorgen, vermutet er, und aufregen muss man sich jedenfalls weder über die Autorin noch über dieses Buch.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 31.08.2026
Lange Sprachnachrichten mit Gequassel darüber, dass man ja eigentlich gar keine Zeit zu quatschen hat, sind ja eine echte Plage unserer Zeit, hält Rezensentin Meike Feßmann fest, und Caroline Wahls neuer Roman fühlt sich doch irgendwie ähnlich an. Ihre Protagonistin Samara stellt für sie vor allem ein "bequemes Sprachrohr" der Autorin dar, Samara macht Urlaub auf Bali, aber nichts ist so, wie sie es sich vorstellt, es gibt nichtmal Wasser mit Kohlensäure, wie sehr oft erwähnt wird. Samara reist zurück nach Berlin, aber die Arbeit in einer PR-Agentur passt ihr auch nicht wirklich. Feßmann macht viele Redundanzen in dieser Geschichte aus. Dass sich am Ende dann für Samara, die eine Hochstaplerkarriere in St. Moritz startet, doch noch eine Liebesgeschichte ergibt, findet die Kritikerin auch nicht gerade überraschend. Der Roman ist für sie voller "selbstreflexiver Notdächer", die aber doch nicht abwehren können, dass es sich hier im Grunde genommen um eine Sprachnachricht in Romanform handelt - leider mit deutlicher Überlänge, wie Feßmann resümiert.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 29.08.2026
Rezensentin Julia Hubernagel ärgert sich ein wenig über den seltsamen Umgang mit Caroline Wahl, sie will lieber gleich auf den neuen Roman zu sprechen kommen, den sie "bestürzend schlecht" findet. Die Protagonistin Samara reist nach Bali, alles ist voller Avocado-Toast-Klischees, sie kehrt zurück nach Berlin, wo es nicht weniger schematisch zugeht. Es scheint in Samaras unterkomplexen Gedanken um "maximale Relatability" zu gehen, darum, Sprachnachrichten und Siebträgermaschinen zu hassen, eine greifbare Figur wird aus ihr dadurch für Hubernagel nicht. Ziemlich oberflächlich bleiben auch die "dunklen Wolken", die die Protagonistin umgeben, die dann nach St. Moritz fährt, eine Hochstaplerkarriere startet und ziemlich viele Leute mit ziemlich viel Geld kennenlernt. Kritisch hinterfragt wird Reichtum hier nicht, Reflexion gibt's auch keine, so die Kritikerin, dafür eine Menge Trotz der Mercedes-Markenbotschafterin Wahl, die sich hier wohl auch gegen die Debatte wehren will, die letztes Jahr um ihre Auto-Leidenschaft geführt wurde. Ihr kommt das ganze Buch ein wenig vor wie ein "antiwoker Kreuzzeug", so viel geht es um Männer, um Müllermilch und die AfD-Nähe des Markengründers, und besonders geschmacklos findet sie eine Passage über die in Auschwitz ermordete Schriftstellerin Irène Némirovsky, der Samara die Familie und das Schreiben neidet. Verkaufen wird sich das Buch aber wohl so oder so, seufzt die Kritikerin.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 28.08.2026
Rezensentin Judith von Sternburg lässt Caroline Wahls Hochstaplerinnenroman einerseits kalt, da die Protagonistin so offensichtlich eine Kunstfigur ist, die dazu noch dauernd unterwegs ist wie der Blitz, andererseits nimmt die hanebüchene Story Sternburg auch mit und scheint ziemlich unterhaltsam. Flott liest sich laut Sternburg weg, was diese Samara auf Bali, in Berlin und St. Moritz erlebt, als Influencer-Agentin oder Fotokünstlerin. Elemente aus Roadmovie, Gesellschafts- und Coming-of-Age-Roman und Felix Krull verbaut Wahl gekonnt und parodistisch im Buch, findet Sternburg. Einen etwas faden Nachgeschmack wird die Rezensentin allerdings nicht los.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 28.08.2026
Wenn über oder mit Caroline Wahl gesprochen wird, geht es oft um deren "Attitude", um ihren "Style", um die Frage, was von ihrem megalomanen Auftreten zu halten ist, vielleicht noch darum, worüber sie als Tochter wohlhabender Ärzte schreiben "darf" oder nicht darf. Die Frage allerdings, was für eine Literatur das überhaupt ist, und was sie kann, die stellt kaum jemand - außer ein paar Amazon-Kommentatoren und Rezensentin Zelda Biller. Billers Urteil lässt sich circa so zusammenfassen: Ob nun der aktuelle oder einer seiner Vorgänger, Wahls Romane sind im Grunde selbstreferentielle Kitschromane ohne Tiefgang. Und stolz darauf. Sie wollen vor allem eines: ein warmes Gefühl vermitteln. Das schaffen sie mit vorhersehbaren Plots und profillosen Charakteren, sinnlosen Redundanzen, ausufernden Beschreibungen von Nebensächlichkeiten, schnaufend altmodischen Formulierungen hier und "infantiler Vulgärsprache" dort. Alles offensichtlich. Und trotzdem weigert sich das Feuilleton, diese Wahrheiten zu benennen, stellt Biller fest. Erklärungen für die Zurückhaltung, ja gar Anbiederung der Literaturkritik an das Phänomen Caroline Wahl hat die Rezensentin viele. Fest steht jedenfalls: Wahl versteht es, mit ihren Büchern Wohlgefühl zu verbreiten, oder wie es in einem Podcast formuliert wurde: Ihre Texte sind wie die warme Decke nach dem Yogaunterricht. "Interessanter Literaturanspruch", findet die Rezensentin.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 28.08.2026
"1999 Meter über dem Meer" wird ein Erfolg. Das steht sowieso fest, weiß Rezensentin Aurelie von Blazekovic. Aber wird Wahl mit ihrem Neuling ihre Fans besänftigen, von denen viele nach ihrem letzten Roman - eine Abrechnung mit dem Literaturbetrieb - eher enttäuscht waren? Die Chancen stehen gut, glaubt Blazekovic. Nicht nur macht Wahl hier eine bereits aus "Windstärke 17" bekannte Nebenfigur zur Protagonistin, sie konzentriert sich auch in jeder anderen Hinsicht wieder auf das, was in ihren ersten beiden Büchern so gut funktioniert hat, das, was diese Autorin wirklich gut kann: "romantische Fantasien erzählen". Fantasien von der unkomplizierten, wahren Liebe, Fantasien vom warmen Zuhause, von Reichtum, von Unbeschwertheit, Freiheit, Selbstbestimmung und "Coolness". Wie unverfälscht, wie selbstbewusst Wahl solche Sehnsüchte auserzählt, ist bemerkenswert, findet die Rezensentin. Bemerkenswert ist auch, wie geschickt sie ihre zuckrigen Wohlfühlgeschichten mit einer wohl bemessenen Prise Tragik würzt, gerade genug, um ihnen das gewisse Etwas zu verleihen, stellt die Rezensentin fest. Ein Happy End gibts bei aller Tragik natürlich trotzdem, das ist Wahls Versprechen, denn, wie ihre Protagonistin einmal ganz selbstreferentiell bemerkt: Warum sollte man Romane schreiben, die "kacke enden", wenn man als Autorin doch die Macht hat, die Dinge "besser laufen" zu lassen.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 20.08.2026
Gar nicht so einfach, unbefangen über Caroline Wahl zu schreiben, wenn alle vor allem darüber schreiben, wie es ist und was es bedeutet, über Caroline Wahl zu schreiben, findet Rezensent Adam Soboczynski, der sich mit der Autorin in St. Moritz trifft, wo ihr neues Buch spielt. Caroline Wahl sieht aus wie Caroline Wahl, findet Soboczynski und auch das Buch ist wieder ein typischer Wahl: Es geht um Samara, die nach Bali reist, dann in Berlin in einer furchtbaren PR-Agentur arbeitet und schließlich in St. Moritz landet, wo sie sich schnell in komplexen Lügengebilden verirrt, um mit ihren neuen reichen Freunden mithalten zu können. Ein Schelmen- und Hochstaplerroman also, hält Soboczynski fest, aber um Liebe geht es natürlich auch, und wieder hat die große Liebe der Protagonistin "eisblaue Augen". Auch die Rezeption hat Wahl eigentlich schon vorweggenommen, erfahren wir: Sie sei sich sicher, es werde Kritik dafür hageln, dass sie als Deutsche eine Figur mit Migrationshintergrund entwerfe und dass es so viel um Oberflächliches wie schöne Autos gehe. Das will Soboczynski gar nicht bezweifeln, aber allein die herrlich satirischen Passagen über Influencer und ihre Probleme wie etwa dreckige Strände auf Bali, die sich nun nicht mehr als Content nutzen lassen, lohnen schon die Lektüre. Mehr noch: Für Soboczynski sind Wahls Romane aktualisierte Popliteratur - statt des Leidens an der Scheinmoral jener Jahre "bebt" in Wahls Romanen das Verlangen aus der "Skandal-, Lifestyle- und Moralbewirtschaftung sozialer Medien auszubrechen", meint der Kritiker.