Klappentext
Dass die liberalen Demokratien der westlichen Welt zunehmend unter Druck geraten, ist zu Recht häufig konstatiert worden. Neben der wachsenden Macht autoritärer Staaten werden hierzulande vor allem populistische Bewegungen dafür verantwortlich gemacht. Für Ferdinand Knauß greift diese Erklärung zu kurz. Er verfolgt den Beginn des Niedergangs mehr als fünf Jahrzehnte zurück: zum Konflikt zwischen der Kriegsgeneration und ihren Kindern, den 'Achtundsechzigern'. Denn die akademischen Tonangeber der Nachkriegsgeneration forderten nicht nur die Aufarbeitung historischer Schuld, sondern propagierten den Aufstand gegen das westliche Gesellschaftsmodell. Obwohl dieser zunächst sein Ziel nicht erreichte, gelangten die erklärten Gegner des Westens mit dem "Marsch durch die Institutionen" an die Schaltstellen der Macht und beanspruchen seither die Deutungshoheit: Liberale Demokratie soll nicht mehr als Regelwerk einer pluralistischen Gesellschaft dienen, sondern als moralische Blaupause zur Durchsetzung universeller Ziele - ein Anspruch, der zunehmend an der Realität zu scheitern droht.
Rezensionsnotiz zu Die Welt, 12.05.2026
Freundlich aber sehr knapp bespricht Rezensent Marc Reichwein Ferdinand Knauß' Buch über eine linke europäische Politikergeneration, zu der unter anderem Joschka Fischer zählt. Knauß schreibt darüber, wie diese Generation von '68 und dem Ende des Realsozialismus im Jahr 1989 geprägt wurde und sich für missionarische Projekte begeisterte: Zunächst ging es darum, die Leute zum Kommunismus zu bekehren, später sollten sie für Europa gewonnen werden, der Feind hingegen war immer das Nationalgefühl. Reichwein scheint dieser Diagnose, die auch an eine Kritik der Habermas'schen Verfassungspatriotismus-Idee anschlussfähig ist, zuzustimmen.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.04.2026
Rezensent Nicolas Freund findet die rechtskonservative Haltung des Journalisten Ferdinand Knauß interessant. Wenn Knauß auf Europa und den Westen als eine historisch gewachsenen Größe schaut und ihre Gefährdung nicht der AfD oder Trump zuschreibt, sondern dem Hang zur Selbstkritik und -korrektur, kann Freund allerdings nicht folgen. "Argumentativ nicht schlüssig" und nicht überzeugend findet er Knauß' These von einer Aushöhlung des Westens durch die 68er. Und wie ein rechtspopulistische Europa der Nationalstaaten in einer neuen Weltordnung bestehen soll, kann ihm der Autor leider auch nicht darlegen.
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