Felix Philipp Ingold

Paris als Exil

Die Einwanderung aus Russland 1910 bis 1940
Cover: Paris als Exil
Arco Verlag, Wuppertal 2025
ISBN 9783965870567
Paperback, 508 Seiten, 29,00 EUR

Klappentext

Paris ist als Tummelplatz der künstlerischen Moderne aus aller Welt legendär, von Rilke bis Gertrude Stein. Doch unvergleichlich ist die Zuwanderung von Künstlern, Dichtern und Philosophen aus Rußland in die französische Metropole. Aus der Seine wurde zwischen den Weltkriegen kurzerhand die "Kleine Newa" und das Viertel der Bohème zum Russkij Montparnasse. Umso erstaunlicher, daß sich bisher keine Gesamtdarstellung diesem faszinierenden Kosmos gewidmet hat, der die russische Heimat in sich bewahrte und nur selten den Anschluß an die französische, westliche Kulturwelt suchte - eine Parallelgesellschaft wie zuvor schon in Berlin. Felix Philipp Ingold lässt diesen Kosmos mit all seinen Facetten und Widersprüchen noch einmal aufleben: geistige Höhenflüge und Existenznöte, künstlerische Kooperation oder Konkurrenz, erbitterte Feindschaften und Verbrüderungen.
Das russische Paris entpuppt sich als ein Gesamtkunstwerk, in dem die Trennlinien zwischen den intellektuellen und künstlerischen Disziplinen wie auch den sozialen Sphären nicht präzise zu ziehen sind. Das schlug sich im Schaffen einzelner Künstler wie Wassilij Kandinskij, Ilja Sdanewitsch (Iliazd) oder Serge Charchoune nieder, die nicht nur Maler, sondern auch Schreibende waren. In der Lyrik konkurrierte die neoklassische "Pariser Note" mit den jungen Avantgardisten um Boris Poplawskij. Und auch die Stimmen von Schriftstellerinnen wie Marina Zwetajewa, Teffi, Nina Berberova oder Sinaida Hippius waren unüberhörbar. Die russische Diaspora in Paris löste sich allmählich auf, wobei manche den Weg zurück in die Sowjetunion antraten. Doch dort erwartete viele von ihnen neue Verfolgung, oft sogar der Tod.
Felix Philipp Ingold erweist sich als umsichtiger Experte, entmystifiziert aber auch einige Vorurteile und Legenden. Dabei greift er auch auf Tagebücher, Briefe und zumeist auf Deutsch nicht verfügbare Quellen zurück, die Einblicke in private und künstlerische Zusammenhänge geben, die bisher kaum bekannt waren - in 13 parallelbiografischen Kapiteln, welche Ähnlichkeiten wie auch Unterschiede klar zutagebringen - wie beim Ehepaar Sinaida Gippius und Dmitrij Mereshkowskij, oder solchen, die sich in herzlicher Abneigung zugetan waren, wie Vladimir Nabokov und Iwan Bunin.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.02.2026

Plastisch und kenntnisreich findet Rezensent Ulrich M. Schmid Felix Philipp Ingolds "Panorama der Russen in der Pariser Zwischenkriegszeit". Denn nach dem russischen Bürgerkrieg seien zu Anfang des 20. Jahrhunderts viele Aristokraten und Bürgerliche nach Paris geflohen und bauten sich dort "energisch" eine einflussreiche Kulturszene auf, erklärt Schmid. Um in diese Szene einzuführen, wähle der Autor eine ungewöhnliche Form, die den Kritiker zu überzeugen scheint: In mehreren Doppelporträts stellt er wichtige Persönlichkeiten einander gegenüber; so etwa den Philosophen Nikolai Berdjajew mit dem Esoteriker Georges Gurdjieff, um philosophische und ideologische Perspektiven aufzuzeigen, aber auch die Maler Wassily Kandinsky und Marc Chagall, deren Kunst sehr verschieden aufgenommen wurde, oder die Komponisten Igor Strawinsky und Piotr Suwtschinski. Wie sich diese Schicksale teils überschneiden teils aber auch "konfligieren", scheint dem Kritiker wertvolle Einblicke in das damalige Kulturleben zu bieten. Eine ertragreiche und anschauliche Darstellung, mit "sicherem Strich" gezeichnet, lobt Schmid.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.01.2026

Die 500 Seiten von Felix Philipp Ingolds Buch über Paris als Ziel russischer Emigranten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fliegen quasi an Rezensentin Susanne Klingenstein vorbei: Sie taucht tief ein in die von Heimweh, Armut und Sehnsucht geprägten Schicksale von Autoren wie Boris Poplawsij oder Malern wie Kandinsky und Chagall. Wegen Ingolds auf Unmittelbarkeit zielender Darstellung kommen Klingenstein die Personen ganz real vor: Sie leidet mit, wenn Poplawskij von sieben Francs am Tag dahin vegetiert und dann mit nur 32 Jahren stirbt, und wundert sich über seinen Kollegen Dimitri Merschkowski, der aus Opposition gegen die Bolschewisten Hitler lobt. Ihr gefällt auch, dass der Autor die Künstler, Philosophen und sogar Verbrecher sowohl in Einzelporträts als auch als gegensätzliche Paare zeigt.

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