Im letzten Drittel des 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kursierten unzählige Vorstellungen über das Denken der Primitiven. Die Ansicht, daß deren Weltbild auf dem Glauben an ein obskures Übertragungsgeschehen heiliger Kräfte basierte, hatte Konjunktur. Diese Spekulationen bildeten den Kern eines Diskurses über das Heilige und das Primitive und durchdrangen das ethnologische und sozialanthropologische Wissen genauso wie die Philosophie und die Soziologie jener Tage. Sie werden hier als Denkbilder entziffert, in denen sich die ganze Unsicherheit einer Zeit ausschrieb, die gerade die große Transformation vom anschaulichen zum symbolischen Denken und von einer alphabetischen zu einer elektromagnetischen Kultur durchlebte. George Boole und James George Frazer, Emile Durkheim und Marcel Mauss, Cassirer, Levy-Bruhl, Bataille, Heidegger und Levi-Strauss sind bedeutende Protagonisten der Geschichte einer Illusion, die der Autor als Geschichte der archaischen Illusion der Kommunikation aufrollt. Mit »Die heiligen Kanäle« hat Erich Hörl die bis heute ausstehende Archäologie der Begriffe des Heiligen und des Primitiven geschrieben.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 18.01.2006
Für Matthias Kross ist es hohe Zeit, dass 40 Jahre nach Marshall McLuhans Formulierung von den "magischen Kanälen" endlich ein Philosoph den "sakralen oder "heiligen" Ursprüngen" der Medien nachgeht und begrüßt deshalb begeistert die "grandiose" Dissertation von Erich Hörl. Mit Unterstützung der Methodik Heideggers und Derridas untersucht der Schweizer Philosoph mit "beeindruckendem Scharfsinn" den "Selbstentzug der Bilder und Zeichen" und ihre "verzweifelte Reontologisierung" durch das letzte und vorletzte Jahrhundert, teilt der Rezensent mit, der hier auch eine Geschichte des "medialen Selbstbewusstseins" geboten sieht. Kross räumt ein, dass das Buch für die Leser mitunter eine recht "strapaziöse" Lektüre bedeutet, sieht sich aber durch "grandiose Ausblicke" auf verschiedene Theorien und Denkweisen reich entschädigt. Nach diesen enthusiastischen Worten lässt der Rezensent allerdings durchblicken, dass nicht alle Exkurse Hörls von der gleichen Makellosigkeit sind und kritisiert im Folgenden "manche theoretische Unschärfe", wie etwa die ungeklärte Bedeutung des vom Autor beklagten "Verlusts der Anschaulichkeit". Alles in allem aber bleibt der Rezensent bei seinem begeisterten Urteil.
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