Elsa Koester porträtiert drei charakterstarke Frauen, deren Schicksale von gesellschaftlichen Umbrüchen und Krisen gezeichnet sind. Zigaretten, Cognac und Bücher - ihre letzten Jahre verbringt die über hundertjährige Lucile am liebsten lesend im Bett ihrer Pariser Wohnung. Als kurz nach Luciles Tod auch ihre Tochter Marie stirbt, erbt Lisa das Appartement in der Avenue de Flandre. Ihr bleiben nur noch die Erinnerungen an die zwei eigenständigen, vom Leben gezeichneten Frauen der Familie. Das Verhältnis von Mutter und Großmutter war explosiv. Die starke, aber auch selbstbezogene Französin Lucile musste nach der Unabhängigkeit Tunesiens mit ihren Töchtern überstürzt nach Frankreich fliehen, ein Heimatverlust, den die in Tunesien geborene, temperamentvolle Marie nie verwunden hat. "Fische haben empfindliche Füße", pflegte Marie zu sagen, die immer wieder ins Straucheln geriet bei dem Versuch, im neuen Land Fuß zu fassen. Der schmerzhafte Abschied von Tunesien, die erste dramatische Liebe im Pariser Mai 1968, die Flucht vor den Übergriffen Luciles nach Berlin, wo Lisa Jahre später zur Welt kam - von all dem hat Marie ihrer Tochter erzählt. Doch kann Lisa den Erzählungen ihrer Mutter trauen?
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2020
Ästhetisch überzeugt Elsa Koesters Roman den Rezensenten Tilman Spreckelsen nicht. Daran hat für ihn auch die mit französischen Versatzstücken arbeitende Übersetzung ihren Anteil. Vor allem nerven ihn die ständigen Wiederholungen bei den verschiedenen Erzählstimmen, die Bedeutung suggerieren wollen. Die komplexe Familiengeschichte des multiperspektivisch gestalteten Romans scheint Spreckelsen bisweilen mit seiner Themenvielfalt von Kolonialismus und Erinnerung über Feminismus bis Migration und Islamkritik zu erschlagen. Wie die Autorin Positionen und Gegenpositionen im Text unterbringt, findet er allerdings auch immer wieder recht souverän.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.11.2020
Rezensent Stefan Michalzik ist voller Anerkennung für Elsa Koesters Roman. Gleich drei Generationen umfassend erzählt er von Lisa, ihrer Mutter und deren Mutter, einer nach Frankreich geflohenen Tunesierin, vom Verhältnis zwischen den Frauen und den jeweiligen politischen Umständen. Dass die Autorin sich bei dieser Materialfülle eine gewisse Leichtigkeit beibehalte und trotz eingehender Beschreibungen von Düften und Geschmäckern der tunesischen Heimat nie ins Pittoreske abdrifte, findet der Rezensent bewundernswert und lobt auch die "immense Ruhe" in Koesters Erzählton. Obgleich ihm eine Bezeichnung als Frauenliteratur fern liege - der Männermangel in Koesters "strikt matriarchalem" Erzählen scheint ihm dennoch bemerkenswert.
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