Elisabeth Bronfen

Tiefer als der Tag gedacht

Eine Kulturgeschichte der Nacht
Cover: Tiefer als der Tag gedacht
Carl Hanser Verlag, München 2008
ISBN 9783446230101
Gebunden, 639 Seiten, 29,90 EUR

Klappentext

In der Nacht erwacht eine eigene Welt. Es schlägt die Stunde der Erscheinungen, der Verwandlungen, der Übertretungen. Von solchen Szenen handelt Elisabeth Bronfens neues Buch. Weil sich die Szenen der Nacht der Logik des Tages entziehen, sind sie nicht mit einem Begriff zu fassen, sondern werden auf der Bühne, in Romanen oder im Kino erzählt. Das beginnt mit den Schöpfungsmythen der frühen Griechen, führt über Shakespeare und Milton zur Romantik. Die Psychoanalyse ist die erste Wissenschaft, die von der nächtlichen Logik systematisch Gebrauch macht, im Film noir verschmilzt die Dunkelheit des Kinosaals mit der Handlung auf der Leinwand. Und wenn die Kamera in die Dämmerung hineinfährt, werden die Zuschauer von jenem Zauber der Nacht umfangen, den dieses Buch in einer großen Geschichte beschwört.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.07.2008

Mit hohem Lob bedenkt der hier rezensierende Kulturwissenschaftler Thomas Macho diese Kulturgeschichte der Nacht, die Elisabeth Bronfen vorgelegt hat. Er findet das wie eine Opern- oder Theateraufführung aufgebaute, in fünf Akte, einen Prolog und einen Epilog gegliederte Werk "erfüllt und beseelt" von "Enthusiasmus". Dass die Autorin nicht enzyklopädische Vollständigkeit und strenge chronologische Ordnung der behandelten Bilder und Texte anstrebt, kommt dem Band seines Erachtens zu Gute. Er sieht die Absicht Bronfens eher in der Errichtung eines "Denkraums". So wirkt das Buch auf ihn wie eine wunderbare "Ausstellung" und sollte auch so gelesen werden. Auch wenn ihm wichtige Themen wie die antike Traumliteratur oder die Nachtstücke Becketts fehlen, fühlt er sich von der Fülle des Werks beglückt und bereichert. Besonders hebt er die Ausführungen über den "Film noir" sowie über die Interaktionen zwischen Shakespeare und Freud, Celine und Goethe, Blanchot und Virginia Woolf hervor.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 09.05.2008

Schade, dass Elisabeth Bronfen nicht Scheherazade ist. Dann hätte Rezensentin Judith von Sternburg das Buch sicher mehr Freude gemacht. Weil Bronfen "bloß" Flaneur zwischen den von ihr allerdings ohne Scheu vor eigenen Neigungen ausgewählten Texten ist und das Buch eben doch "nur" eine Kulturgeschichte der Nacht, verhält es sich anders. Wo immer die Autorin der allzu strengen Systematik entkommt, atmet Sternburg auf. Aller Sorgfalt der Materialfülle und -erschließung zum Trotz, bietet ihr der Band dennoch nichts Überraschendes. Dass die Nacht das Tor zum Verbotenen und Vergessenen ist, hat sie schon bei Shakespeare und Freud gelesen. Ein erneuter Nachweis erscheint ihr überflüssig.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.03.2008

Im Großen und Ganzen findet Rezensent Wilhelm Trapp überzeugend, was die Kultur- und Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen aus Theater, Film, Kunst, Oper, Philosophie und Psychoanalyse zu einer Kulturgeschichte der Nacht zusammengetragen hat. Die zentrale Fragestellung der Arbeit ist in den Augen des Rezensenten die "Beziehung zwischen aufgeklärtem Tag und Nachtverdrängtem", die "unsauberen Bruchkanten" zwischen beidem. Trapp hätte sich das ganze bisweilen etwas straffer gewünscht, doch gehört es seiner Einschätzung nach zum Stil der Autorin, "dass sie, oft hocherzählerisch, ihren Texten immer neue Facetten abgewinnt", und über weite Strecken funktioniert das ja offenbar auch. Und am Ende fehlt dem Rezensenten sogar etwas: das "schwarz spiegelnde Interface im Netz".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 04.03.2008

Thema und Titel des Buches über die Nacht von Elisabeth Bronfen gehen für Kurt Flasch in Ordnung, aber ansonsten ist er alles andere als zufrieden und spart nicht an harscher Kritik. Zunächst zählt er etwas pflichtschuldig die gelungenen Passagen auf: Gewiss, der Überblick über die Nacht im neueren amerikanischen Film, die Nacht bei Novalis und Hegel oder Shakespeare seien durchaus "kenntnisreich" dargestellt. Dann aber folgt Flaschs lange Liste der Versäumnisse, der sich die Professorin für Anglistik in Zürich seiner Ansicht nach schuldig gemacht hat. Der verärgerte Rezensent vermisst tiefer gehende Ausführungen zur Antike und zum Mittelalter, wirft Bronfen weitgehende Unkenntnis der italienischen, französischen und deutschen Literatur vor und bemängelt ein unklares Konzept. All dies, behauptet er, hätte er noch geschluckt, wenn ihn die Autorin nicht mit einem, wie er beißend kritisiert, aufgeblasenen Schreibstil, hinter dem sich Ungenauigkeit und Unwissen verberge, vollends auf die Palme brächte.
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