Barbara Vinken

Die deutsche Mutter

Der lange Schatten eines Mythos
Piper Verlag, München 2001
ISBN 9783492038614
Gebunden, 329 Seiten, 22,50 EUR

Klappentext

In Deutschland müssen Frauen sich immer noch entscheiden: entweder Kinder oder Karriere. Warum? Muss es uns nicht beunruhigen, dass eine Französin, eine Dänin oder eine Italienerin sich nicht vor diese Wahl gestellt sieht? Und warum glauben wir trotzdem immer noch, in Sachen Emanzipation Vorreiter in Europa zu sein? Barbara Vinken analysiert die Ursprünge und Auswirkungen dieses Missverhältnisses. Ihr Fazit: Die deutsche Politik hat sich immer viel mehr um die Familie als um die Selbständigkeit der Frau gekümmert. Der Grund für diese Einseitigkeit ist der bis heute ungebrochene Mythos der Mütterlichkeit. Wie ein roter Faden zieht er sich vom Protestantismus durch die nationalsozialistische Ideologie bis zum heutigen Bio-Gesundheitswahn: Nur die gesunde Kleinfamilie mit einer Mutter, die sich um alles kümmert, kann gegen die kalte, harte Welt bestehen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.07.2001

Auch wenn Sabine Fröhlich der Autorin nicht in allen Argumenten folgen mag, so sieht sie doch in deren provokanten Thesen "befreiende Perspektiven" angelegt. Denn gerade in Deutschland, pflichtet die Rezensentin Vinken bei, sei es um die berufliche Gleichstellung von Männer und Frauen im europäischen Vergleich schlecht bestellt. Das liege unter anderem daran, dass sich die Frauen aus eigenen Stücken mit diesem Zustand arrangierten und sich einem "ethischen Feminismus" verpflichtet fühlten, stellt Fröhlich fest. Vinken gelinge es, diese freiwillige Selbstbindung an das Konzept der Mütterlichkeit von Hera Linds "Superweib" bis hin zu Martin Luthers Familienmodell ideologiekritisch auseinander zu nehmen, stets mit einem großen Gespür für Untertöne und verborgene Symbolik, lobt Fröhlich Vinkens Kunst der Interpretation und Darlegung.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.06.2001

Elisabeth Bronfen holt weit aus. Über den Film "Matrix" mit seiner "utopistischen Fantasie" vom mutterlosen Gebären in Brutbetten, in denen die Babys von Maschinen gezüchtet werden, gelangt sie zur "polemischen These" dieses Buches, derzufolge wir an einem längst veralteten Mutterbild festhielten, der Vorstellung nämlich, Mutterschaft sei eine Berufung und mit der Ausübung eines Berufes nicht vereinbar. Allerdings läuft, was der Autorin vorschwebt, dann doch nicht auf Brutmaschinen hinaus, wie uns Bronfen beruhigt, sondern auf eine Revision des Mutterbildes im Sinne einer an Ländern wie Frankreich oder Dänemark orientierten "konkreten Familienpolitik". Die Schärfe des Ganzen erkennt die Rezensentin dabei in der Frage nach den Ursachen für die Akzeptanz des herkömmlichen Mutterdaseins, bei dem die Frau "das private Glück der Mutterschaft als Entschädigung für den Verlust von Erwerbstätigkeit und Macht im öffentlichen Raum" auf sich nimmt. Narzisstische Befriedigung? Flucht vor anderweitiger Verantwortung unter Berufung auf Naturgesetzlichkeiten? Bronfen ist beeindruckt von den historischen Bezügen, mit denen die Autorin schließlich einen Mutter-Mythos rekonstruiert, von Martin Luther bis Pestalozzi. Und sie weiß einen aktuellen Beweis für die Stimmigkeit dieser Erklärung: Wie ubiquitär wirkungsvoll der Mythos der sich in Mutterliebe aufopfernden Frau sein kann, zeige auch ein Film wie "Pearl Harbor" mit einer Mutter als Heldin.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.06.2001

Auwei, das klingt gar nicht gut. Über zwei der drei hier besprochenen Bücher über Mütter ("Die deutsche Mutter", erschienen bei Piper, "Neue Mütter hat das Land", Kreuz Verlag, "Mama Solo!", Eichborn Verlag) zieht Susanne Mayer gehörig vom Leder.
1) Barbara Vinken: "Die deutsche Mutter"
Vinken bekommt aber was zu hören von der Rezensentin! Ein Pamphlet sei dieses Buch, gut, eine "Kritik der praktischen Mütterlichkeit zwischen Rosenheim, Wuppertal und Kiel". Was noch? Eine Schrift, die hauptberuflich kindererziehende Frauen als Opfer vorführt. Aha! Selten sahen Mütter so dumm aus, findet Mayer und fragt sich, was da bloß los ist mit dem Selbstverständnis von Frauen. Frauen als Teilmenge eines wabbeligen Mutterkuchens? Mitnichten, meint sie, soll die Autorin noch so weit ausholen, Verdienstunterschiede, mangelhafte Familienpolitik und die ganze seminaristische Ideologiekritik hin oder her: "Was Frauen wollen, ist gut erforscht. Teilzeitarbeit! Geld verdienen für eine Leben mit ihren Kindern." Basta. Braucht es keine misogynen Sprüche (aus Frauenmund), keinen altmodischen Fundamentalismus, keine quellenschludrige, einäugige Belehrung und Beschimpfung.
2) Ulrike Horn: "Neue Mütter hat das Land"
Noch eine Fundamentalistin! Aber was die Autorin dieses Buch so vehement fordert, ist das genaue Gegenteil der "Powerfrau": "Vollblutmütter möchte sie". Die Rezensentin sieht's mit Schrecken. Wieder eine halbe Sache, "ein Modell für Ehefrauen", in dem die Väter aber gar nicht vorkommen, und die Arbeit berufstätiger Mütter, schimpft Mayer, wird als Selbstverwirklichungsprinzip diffamiert, "als käme eine Existenzsicherung durch Frauen gar nicht in Betracht." Über die derart zutage tretende "Unfähigkeit, den Spagat zwischen beiden Welten auch nur gedanklich zu wagen", droht uns die Rezensentin gar trübsinnig werden.
3) Stella Bettermann: "Mama Solo!"
Natürlich, auch gegen dieses Buch, so Mayer, ließe sich einiges einwenden, "geistesgeschichtlich herleiten, zeitkritisch anmerken". Allein, was soll's, wenn die Autorin, familienpolitisch so viel Spaß hat, alles nicht so tragisch sieht (Warum nicht mogeln bei der Arbeit, Schwimmen gehen mit den Kleinen und Abendbrot verbinden?) und nach der Maxime "Plaudern statt belehren" vorgeht. Man merkt der Rezensentin die Erleichterung an über das Buch und den Spaß, den das machen kann, Muttersein. Und "Spaß", denkt sie ganz richtig, das ist "doch auch schon eine kleine Revolution."
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