Elias Canetti

Der Ohrenzeuge

50 Charaktere. Zürcher Ausgabe. Band 4
Cover: Der Ohrenzeuge
Carl Hanser Verlag, München 2025
ISBN 9783446284265
Gebunden, 208 Seiten, 36,00 EUR

Klappentext

Was ist ein "Hinterbringer"? Einer, der nichts für sich behalten mag, was einen andern kränken könnte. Und wer ist der "Wortfrühe"? Er redet schnell und viel, seine Worte wiegen nichts. Die "Selbstschenkerin" hingegen lebt von den Geschenken, die sie sich zurückholt. Und wer ist der "Ohrenzeuge"? Das ist Canetti selbst. Wie sein antikes Vorbild Theophrast schafft er eine Typenlehre: Das Ergebnis ist eine menschliche Komödie auf knappstem Raum. "Der Ohrenzeuge ist durch niemanden zu bestechen", ihm zuzuhören ist ein boshaftes, erkenntnisreiches Vergnügen. - Canettis "Fünfzig Charaktere" erscheinen in der kritischen "Zürcher Ausgabe", ergänzt um bisher unzugängliche weitere Stücke und entstehungsgeschichtlich kommentiert.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.09.2025

Rezensent Paul Jandl freut sich darüber, anlässlich der neuen Zürcher Werkausgabe der Schriften Elias Canettis noch einmal dieses Buch zu lesen, in dem der Autor aus typischen Redeweisen von Menschen fünfzig Charakterporträts formt. Canetti war sehr geschickt darin, seinen Bekanntenkreis zu charakterisieren, lesen wir, auch wenn er gleichzeitig psychologische Ansätze wie die Psychoanalyse ablehnte. So begegnet Jandl etwa  der "Mondkusine", dem "Tränenwärmer" und dem "Leichenschleicher". Insgesamt fällt ihm ein Ungleichgewicht in Geschlechterfragen auf: Frauen kommen insgesamt schon eher schlecht weg, übersensibel oder zu penibel. Weiterhin enttarnt Jandl einige der Vorlagen für die Porträts, die Canetti oftmals seinem Bekanntenkreis entnahm, zum Beispiel das des Philosophen Bertrand Russell, der bei Canetti als der "Silbenreine" seinen Auftritt hat. Einige der Miniaturen, zum Beispiel die von Max Frisch, waren im Originaltext nicht vorhanden, erklärt Jandl, wurden jetzt aber in die Werkausgabe aufgenommen. Eine Relektüre lohnt sich jedenfalls. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 30.08.2025

Rezensent Martin Oehlen liest sich im Großen und Ganzen begeistert durch die ersten beiden veröffentlichten Bände - tatsächlich tragen sie die Seriennummern 4 und 5 - der nun erscheinenden kritischen Elias-Canetti-Gesamtausgabe. Die Rezension konzentriert sich auf "Die gerettete Zunge", den zurecht gefeierten Erinnerungsband, der sich intensiv mit dem Aufwachsen des Autors in einer jüdischen Familie beschäftigt und unter anderem die wichtige Rolle thematisiert, die Sprache und Schrift schon früh für Canetti einnehmen. Die Anhänge überzeugen Oehlen vor allem da, wo Passagen abgedruckt sind, die in der Originalfassung nicht enthalten sind, lediglich die Praxis, Zitate lediglich durch eine veränderte Satztype zu kennzeichnen, stört den Rezensenten. Auf den zweiten Band "Der Ohrenzeuge", geht Oehlen nur kurz ein, aber auch die 50 kurzen Charakterstudien, die Canetti hier vorlegt, gefallen ihm offensichtlich immer noch gut.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.07.2025

Rezensent Andreas Platthaus freut sich darüber, dass Elias Canetti nun eine neue Werkausgabe erhält, deren Publikation unter anderem mit dem hier besprochenen Band einsetzt, den Platthaus zu seinen Lieblingsbüchern im Werk des Autors zählt. Auf den Hauptteil des Buches geht Platthaus nicht ein, vielmehr schreibt er über die Zusätze, die die Neuedition enthält und die hauptsächlich den Tagebüchern Canettis entstammen, die lange für eine Publikation gesperrt waren - mehr als doppelt so lang wird das Buch dadurch. Einen neuen Blick auf Canetti ermöglichen sie unter anderem deshalb, weil sie Beispiele dafür aufzeigen, wie Canetti Menschen in seinem Umfeld, insbesondere auch Frauen, die ihn liebten, in durchaus fragwürdiger Weise als Vorlage für Figuren in seinen Büchern benutzte. Außerdem zeigt die Neuedition deutlich, wie früh schon Canetti zu seinem einzigartigen, gleichzeitig von Pathos beseelten und präzisen Stil gefunden hatte. Nur, dass die Veröffentlichung keine Auskunft darüber erteilt, wie genau die Auswahl aus dem Tagebuchkonvolut zustande kam, ist für Platthaus Anlass für Kritik. Ansonsten ist das Buch ein Fest für Canetti-Interessierte, so könnte man die Besprechung zusammenfassen.
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