Dietmar Goltschnigg

Der Fackel ins wunde Herz

Kraus über Heine. Eine `Erledigung`?
Cover: Der Fackel ins wunde Herz
Passagen-Verlag, Wien 2000
ISBN 9783851654004
Gebunden, 496 Seiten, 65,45 EUR

Klappentext

Karl Kraus hat gegen Heine einen jahrzehntelangen, unversöhnlichen Strafprozess geführt, der nunmehr erstmals lückenlos dokumentiert wird. Die "Fackel"-Texte bilden das Zentrum eines dicht vernetzten Kommunikationssystems, wie es in dieser komplexen Intertextualität bisher noch nicht erfasst worden ist. Heine erscheint darin als Inbegriff der verabscheuten Moderne, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts von Paris ihren Ausgang genommen und ihre adäquate Fortsetzung um die Jahrhundertwende in Wien gefunden habe, wo die sogenannte "Heine-Affaire" das kulturelle und politische Leben jahrelang beherrschte. Mit seinen obsessiven Angriffen auf Heine fällt Kraus selber dem von ihm vehement geleugneten "jüdischen Selbsthass" zum Opfer, denn er projiziert sein eigenes Judentum auf den geistesverwandten Rivalen, um seine zeitlebens forcierte Assimilation zu vollenden.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.08.2000

Karl Kraus wetterte gegen Heinrich Heine, Richard Wagner polemisierte gegen die Juden - ist Kraus` Polemik nicht Ausdruck jüdischen Selbsthasses und in der Argumentation der Wagnerschen verwandt, fragt Rezensent Dieter Borchmeyer, der zwei zufällig zur gleichen Zeit erschienene Bücher bespricht, die sich den Pamphleten Wagners bzw. Kraus` quellenanalytisch widmen.
1) Dietmar Goltschnigg: "Der Fackel ins wunde Herz"
Den Vergleich mit Wagner legt laut Borchmeyer der Herausgeber selbst nahe: Goltschnigg ziehe immer wieder Parallelen zu Wagners Schrift über das "Judentum in der Musik". So wie Wagner einem "linguistischen Antisemitismus" gehuldigt habe, hätte Kraus in vielfachen Polemiken in seiner Zeitschrift "Die Fackel" Heine eines "undeutschen Sprachgebrauchs" bezichtigt. Das Absurde daran sei, referiert Borchmeyer weiter, dass Kraus Heine genau das vorwarf, was man als eine Art geistesverwandte Haltung und Schreibweise bezeichnen könnte: den Feuilletonismus. Und er scheute auch nicht davor zurück, sich mit seiner Polemik in die Nähe völkisch-nationalistischer Hetze gegen den Pariser Rivalen zu begeben. Goltschnigg kommt am Schluss auf Wagner zurück, schreibt Borchmeyer weiter, und weise darauf hin, , dass Kraus mit seiner Forderung einer völligen Assimilation ("Durch Auflösung zur Erlösung") einer bis ins Vokabular ähnlichen Argumentation wie Wagner folgt.
2) Jens Malte Fischer: "Richard Wagners `Das Judentum in der Musik`"
Bei Wagner ist von einem "durch Selbstvernichtung wiedergebärenden Erlösungswerks" der Juden die Rede, zitiert der Rezensent die inkriminierte Passage, die sowohl bei Goltschnigg wie in Jens Malte Fischers Buch eine Rolle spielt. Fischers Verdienst sei es unter anderem, schreibt Borchmeyer, die unzugänglich gewordenen Quellen für das Wagnersche Pamphlet wieder zugänglich zu machen und dieses so der Frühphase des Antisemitismus zuordnen zu können. Weder entschuldige der Autor die Heftigkeit des Wagnerschen Verschwörungswahns, noch beschuldige er ihn für etwas, das nicht in seinen Texten stünde. Das Wagnersche Vernichtungsvokabular habe rein metaphorische Bedeutung gehabt. Zweifel meldet Borchmeyer hinsichtlich der These Fischers an, der Antisemitismus Wagners müsse sich auch in seinen Opern niederschlagen, als eine Art "eingewobener Subtext": auch Fischer gelinge es nicht, diesen Subtext in den musikdramatischen Werken Wagners wirklich ausfindig zumachen.