Herausgegeben von Barbara Wien. Dieter Roth (1930--1998) war zu seinen Lebzeiten eher ein Künstler für Künstler, den die breite Öffentlichkeit kaum wahrnahm. Bei Kennern gilt er als einer der bedeutendsten und einflußreichsten Künstler des 20. Jahrhunderts. Auf der diesjährigen documenta 11 wird er mit dem Raum "Tischruine" und der Videoarbeit "Soloszenen" vertreten sein. Das Buch "Gesammelte Interviews" enthält teils aus entlegensten Stellen zusammengetragene publizierte und unpublizierte Interviews von Dieter Roth: 36 Gespräche aus den Jahren 1958 bis 1998...
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 19.07.2003
Dorothea Baumer ist außerordentlich beeindruckt von diesen zwischen 1958 und 1998 entstandenen Interviews mit dem Künstler Dieter Roth. "Mitreißend in ihrer Unbedingtheit" ziehen sie den Leser in einen "Strudel der Aufgewühltheit und der lapidaren Erkenntnisse", schwärmt Baumer. Sie hat hier Einblick erhalten in das "Denk- und Empfindungslabyrinth" des 1998 verstorbenen Künstlers. Roth, so schreibt sie, hasste Stillstand und wollte 'weg von der Vortäuschung des Wichtigen und Schönen' (Roth). Sein Motto "Zeigen, was ist" beschreibt eine Wahrheitssuche, die auch vor der eigenen Person nicht Halt machte. "Nicht hehre Ideale, sondern Ehrgeiz und Konkurrenzneid gehören zu den stärksten Impulsen seiner Produktion", weiß Baumer jetzt. Als Beispiel nennt sie die Literaturwürste - Romane von Böll oder Grass, die Roth zerschnipselt und gewürzt in Naturdärme gestopft hatte. Alles in allem zeichnen diese Interviews Roths Lebenskurve nach und sind zugleich eine Bilanz seiner künstlerischen Entwicklung, versichert unsere faszinierte Rezensentin.
Laut Wolfgang Müller war der Schweizer Künstler Dieter Roth - wenn auch unbeabsichtigt - ein früher Vorläufer der Popliteratur, nur viel interessanter, kompromissloser und eigensinniger. Leider wusste dies in den siebziger Jahren niemand zu schätzen, und so landete sein Werk "Frühe Schriften und typische Scheiße" als Ramschware in den Grabbelkisten. Heute, behauptet Müller, wird das Buch in Antiquariaten für stolze hundert Euro gehandelt. Mit Genugtuung hat Müller daher Barbara Wiens Interview-Sammlung gelesen. Die Herausgeberin habe die Gespräche mit Roth als eigenständige Kunstwerke angesehen, und für Müller sind sie dies auch. Roth plaudere, philosophiere, dichte und stammele über den Kunst- und Kulturbetrieb und nehme den Leser auf eine überaus lebendige Reise mit, auf der man allen Neurosen und Eitelkeiten von Künstlern, Verlegern und Finanziers begegnen könne. Übrigens auch zu Roths eigenen, der auch dadurch eine gewisse Berühmtheit erlangte, dass er einmal eine Beuys-Installation zertreten habe.
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