Dichtung der Verdammten

Eine Anthologie ukrainischer Dichtung, Zweisprachige Ausgabe: Deutsch und Ukrainisch
Cover: Dichtung der Verdammten
Arco Verlag, Wuppertal 2025
ISBN 9783965870499
Broschiert, 176 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von  von Nataliia Kotenko-Vusatyuk und Andrii Portnov sowie mit Erinnerungen an den Autor von Dmytro Čyževs. Ausgewählt und übertragen von Oswald Burghardt (Jurij Klen).  Zur vielfältigen literarischen Landschaft der Ukraine gehörte in der kurzen fruchtbaren Epoche nach dem Ersten Weltkrieg ein Dichterkreis, der sich, klassischem europäischen Erbe verpflichtet, als Neoklassiker bezeichnete. Der Deutsch-Ukrainer Oswald Burghardt alias Jurij Klen gehörte - mit Maksym Ryl's'kj, Pawlo Filipovyč, Mykola Zerov und Mychajlo Draj-Chmara - zu dessen Mitgliedern. In der Frühphase der sowjetischen Nationalitäten- und Kulturpolitik war diese Gruppe Teil der kurzen Renaissance der ukrainischen Literatur. Mit dem jähen Ende der Förderung der "multinationalen Sowjetliteraturen" gegen Ende der zwanziger Jahre wurden die ukrainische Sprache und Kultur insgesamt zur Zielscheibe staatlicher Repression. Vertreter der ukrainischen Literatur wurden auf einmal zu "Verdammten" - auch die Neoklassiker. Wie die berühmtesten ukrainischen Autoren - darunter Walerjan Pidmohylnyj oder Majk Johannsen - fielen auch sie Stalins Terror zum Opfer. Als zentrale Gestalt ukrainisch-deutscher Kulturbeziehungen war es Oswald Burghardt, der seinen Weggefährten und Freunden 1947 in Deutschland ein Denkmal setzen wollte, was nicht mehr zustandekam. Die Erstausgabe der von ihm geplanten Anthologie aus seinem Nachlass verdankt sich der Editionsarbeit von Nataliia Kotenko-Vusatiuk (Kyjiw) und Andrii Portnov. Ein literarisches Portrait Jurij Klens - d. i. Oswald Burghardt - von Dmytro Čyževs'kyj vervollständigt dieses außergewöhnliche Editionsprojekt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.09.2025

Rezensentin Judith Leister liest eine Anthologie ukrainischer Literatur zum Ersten Weltkrieg, die eine Zeit abbildet, als die Ukraine gerade mitten in ihrer Nationenbildung begriffen war. Die Dnister-Front 1915 wird vom Dichter und Soldaten Osip Makowei als Ort beschrieben, an dem die Schluchten nicht nur Kriegsort sind, sondern auch eine gute Akustik für das Flötenspiel bereitstellen, Olha Kobiljanska fängt das Grauen des Krieges mit ihrer "gesprengten Syntax" für Leister erschreckend genau ein. Die Zerrissenheit der ukrainischen Gesellschaft ist in den Texten ebenso Thema wie die innerfamiliären Konfliktlinien, die in einer Geschichte von Juri Janowski dafür sorgen, dass verfeindeten Brüdern die Köpfe "wie Melonen vom Hals fliegen", schildert die Kritikerin, die von der Anthologie sehr beeindruckt ist, sich jedoch zusätzlich noch jüdische Stimmen gewünscht hätte. Auch eine zweite Zusammenstellung von Oswald Burghardt, der als Teil der Kiewer "Neoklassiker" die staatliche Verfolgung in den 1930er Jahren überlebt hatte, überzeugt durch ihre Anschlussfähigkeit an die resteuropäische Moderne. Zwei Bände, die Leister im Angesicht der jüngsten Geschichte des Landes noch bedeutender erscheinen. 

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.05.2025

Kritiker Christian Thomas ist froh, dass diese Sammlung von je fünf Gedichten der fünf ukrainischen Lyriker Maksym Rylskyj, Pawlo Fylypowytsch, Mykola Serow, Mychajlo Draj-Chmara und Jurij Klen (letzterer ist das Pseudonym des Herausgebers Oswald Burghardt) fast achtzig Jahre nach ihrem Entstehen von Nataliia Kotenko-Vusatiuk und Andrii Portnov herausgegeben wird: Die Dichter haben die Gruppe der "Neoklassiker" gebildet, die in der Ukraine der 1920er Jahre mit ihrer Orientierung an den französischen Symbolismus einen kurzen Aufbruch ermöglichten, bevor die stalinistischen Säuberungen auch drei von ihnen im Gulag das Leben kosteten. Diese "Dichtung der Verdammten" ist für Thomas von Pathos getragen, von mythologischen und Klangfiguren: "Siegreich dringt durch Sturm und Schnee dein Sang", heißt es bei Draj-Chmara, nach den Schauprozessen gegen die ukrainische Intelligenz spricht er hingegen davon, "auf grauen Mauern grauer Tage Zahl" zu vermehren. Die von mehreren Fluchten und lebensbedrohlichen Krisen gezeichnete Lebensgeschichte des Herausgebers Burghardt kann der überzeugte Rezensent auch in den beigefügten Erinnerungen des Slawisten Dymtro Cyzevskyj nachlesen.
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