Die allgemeine Wut über die Vertuschung des sexuellen Missbrauchs hat den lang existierenden Reformforderungen innerhalb der Kirche Auftrieb gegeben. Jetzt scheint alles auf dem Tisch des Synodalen Wegs zu liegen: Anerkennung der Homo-Ehe, priesterlicher Zölibat, Frauen in der Hierarchie - doch ist das Ganze mehr als ein aussichtsloses Unterfangen?In den letzten 60 Jahren hat die Katholische Kirche drei wichtige Versuche unternommen, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen - bei Galilei, der Judenverfolgung und dem tausendfachen sexuellen Missbrauch Schutzbefohlener. Doch all diese Fälle lassen zweifeln: Ist die Kirche überhaupt fähig, Verantwortung für ihre Taten und ihr Versagen zu übernehmen? Die wohl älteste Institution der Welt hat ihre Langlebigkeit nicht durch Zaghaftigkeit erreicht, ist eher unnachgiebig als flexibel gewesen. Anhand der drei genannten Fälle legt der streitbare Sozialwissenschaftler David Ranan dar, wieso die Erfolgschancen einer Läuterung gering sind.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 06.03.2023
Nie habe die Katholische Kirche an ihr eigenes "Mea culpa" geglaubt: Davon ist Rezensentin Annette Zoch nach der Lektüre des Buchs von David Ranan überzeugter denn je. Der deutsch-britisch-israelische Politikwissenschaftler befasst sich mit der Entschuldigung der Kirche an die Juden, die sie hassfördernd als "Christusmörder" bezeichnet hatte, dem lauwarmen Tut-uns-leid für Galileo Galilei und dem als Entsetzen formulierten Kotau vor den schutzbefohlenen Opfern sexuellen Missbrauchs. Ranan beschreibe nüchtern die Hintergründe, schreibt Zoch, und stelle nachvollziehbar in den Vordergrund seiner Analyse, dass die Katholische Kirche bei der Rehabilitation immer sich selbst als Institution schuldig gesprochen habe, nie aber die Menschen innerhalb des Gehäuses. Genau dies aber sei ihr grundlegendes Problem. Zwar liefere Ranan keine Vorschläge, wie die Kirche sich der Idee von Christus wieder annähern könnte, schreibt die Rezensentin, weist aber darauf hin, dass es kein Zufall ist, dass dieses Buch kurz vor der letzten Versammlung des Synodalen Wegs in Deutschland erschienen sei.
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