David Albahari

Mutterland

Roman
Cover: Mutterland
Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783821806860
Gebunden, 169 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Aus dem Serbischen von Mirjana und Klaus Wittmann. "Womit soll ich anfangen?" Als der Mann in den mittleren Jahren diese Frage nach mehr als 14 Jahren wieder hört, ist sein Erschrecken groß. Eher zufällig hat er in seinem kanadischen Exil die Spulen mit alten Tonbandaufnahmen gefunden, auf denen ihm seine inzwischen verstorbene Mutter ihr Leben erzählt. Die unverhoffte Wiederbegegnung mit einer ihm vertrauten Sprache, die sich aus dem Schatten der Vergangenheit in seine trostlose Gegenwart schleicht, holt eine längst vergessen geglaubte Zeit zurück.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 14.06.2003

Carsten Hueck kommt richtig ins Schwärmen über den Schriftsteller David Albahari, der bis 1994 in Serbien und jetzt in den USA lebt. Er bedauert, dass es in Deutschland bislang recht schwer war, den Autor zu entdecken, weil bisher nur vier seiner Titel auf Deutsch erschienen sind, und das auch noch bei unterschiedlichen Verlagen. In seinen Augen ist Albahari ein "Erzählvirtuose" - und das bei durchweg kompliziert umzusetzenden Themen wie Identität und Erinnerung. Das Resultat sei "ein Paradox: Mit zutiefst persönlicher Stimme erzählt Albahari von Identitätsverlust und Sprachlosigkeit." Das gelinge im Falle von Mutterland dadurch, dass er seine Biografie mit der seiner Mutter verknüpft, deren Schicksal mehr noch als sein eigenes dem Gang der Geschichte ausgeliefert war. Knapp zusammengefasst lautet das Fazit: der Roman ist "beklemmend schön, verzweifelt humorvoll."

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.06.2003

In ihrer langen Einleitung zu dieser Besprechung widmet sich Iris Radisch einer Reflexion über die Geschichte und welch unterschiedliche Stellung ihr in der amerikanischen und der europäischen Literatur zukommt. Im Falle des nach Kanada ausgewanderten, jüdischen Autors aus Serbien ist dieser Unterschied auch Thema seines ersten Romans. Die Geschichte der Mutter soll erzählt werden, einer Bosnierin, deren erster Mann im Konzentrationslager umkam und deren Kinder bei einem Unfall ihr Leben verloren. Die Schreibversuche des Sohnes aus zweiter Ehe werden konterkariert von der Haltung eines kanadischen Freundes, der nicht versteht, warum den Exilanten aus Europa so viele Zweifel quälen, Zweifel nämlich an der Darstellbarkeit einer solchen Geschichte. "Eindrücklich" und "beeindruckend" findet Iris Radisch dieses Porträt einer Mutter, "gerade weil es auf die große epische Robe verzichtet".

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.04.2002

Rezensent Hans-Peter Kulisch zeigt sich tief beeindruckt von David Albaharis Roman "Mutterland". Wie Kulisch ausführt, erzählt Albahari darin nicht nur die Geschichte seines im Kanadischen Exil an der Lebensgeschichte seiner Familie arbeitenden Ich-Erzählers und dessen Eltern, sondern mit ihr auch die europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Ein "unnachgiebiger kraftvoller Ernst" liegt nach Ansicht des Rezensenten über Albaharis Roman, der nur von gelegentlicher Ironie gebrochen werde. Albahari gelingt es in seinem Roman laut Kulisch, einen Bogen von der k.u.k.-Zeit, über die Zwischenkriegszeit, den Zweiten Weltkrieg, das Regime Titos, bis in die Balkan-Kriege und in das Exil hinein zu spannen und so ein "beeindruckendes literarisches Zeitdokument aus einer ebenso jüdisch-osteuropäischen wie universellen Perspektive" entstehen zu lassen. Im Blick auf die sprachliche und gedankliche Kraft Albaharis stellt ihn der Rezensent auf eine Stufe mit dem zwanzig Jahre älteren Aleksandar Tisma.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 28.03.2002

Andreas Breitenstein lobt den Roman des "bedeutenden serbischen Erzählers" David Albahari und fragt sich im selben Atemzug woran es liegen kann, dass die deutsche Fassung seines letzen Romans hierzulande auf wenig Interesse stieß. Vielleicht am autobiografisch zu lesenden "Pessimismus", mit welchem der Autor die traurige Geschichte seiner Familie, erzählt, mutmaßt er. Die Traumata der Nazizeit - der Vater war Jude -, die scheinbar ruhige Zeit des Kommunismus und die wiederaufreißenden Wunden der Verfolgung mit Beginn des Jugoslawienkrieges bilden nach Breitenstein den Hintergrund der Erzählung, in der der Autor in einer "illusionslosen Perspektive von unten" die Lebensgeschichte seiner verstorbenen Mutter schildert. Genial findet der Rezensent auch, wie Albahari die Hauptfigur auf alte Tonbandaufzeichnungen seiner Mutter stoßen lässt, wie dadurch das Grauen des Vergangenen gleichsam durch die Materialität der Magnetbänder greifbar wird und sich vor dem Erzähler erschließt. "Ein Epitaph von leuchtender Negativität, von schrecklicher Schönheit und brutaler Intimität", schwärmt da der Rezensent in höchsten Tönen über dieses Buch , das er als "zeithistorisches Dokument" anerkennt.
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