Daisy Hildyard

Notstand

Roman
Cover: Notstand
Suhrkamp Verlag, Berlin 2024
ISBN 9783518431634
Gebunden, 237 Seiten, 25,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Esther Kinsky. Eine Frau sitzt während des Lockdowns in ihrer Wohnung. Sie schaut auf den Ausschnitt vor ihrem Fenster und blickt zurück. In ihre Kindheit in einem Dorf in Yorkshire in den 1990er Jahren. Eine Zeit, in der sie alles erkundete. Eine Zeit, die sie lehrte, wie alles notwendigerweise Teil von etwas Größerem ist. Wie der örtliche Steinbruch, der zuvor Schauplatz einer Jagd zwischen einem Turmfalken und einer Wühlmaus war, nun von schweren Maschinen internationaler Konzerne zerstört wird. Wie das Nest einer unermüdlichen Kibitzin immer wieder von Traktoren zerquetscht wird und in der Blumenzucht nebenan Gastarbeiter ausgebeutet werden. Sie beginnt zu verstehen, wie belanglose Begebenheiten in ihrem Alltag in einem nordenglischen Dorf bis nach Nicaragua und China reichen und auf globale Warenketten und Klimaverschiebungen einwirken. Und wie sich in ihrem scheinbaren Idyll die Zeichen mehren, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 01.02.2025

"Das Unglück bringt die Menschheit enger zusammen", nimmt Rezensent Michael Wolf aus der Lektüre von Daisy Hildyards erstem auf Deutsch erscheinenden, von Esther Kinsky übersetzten Roman über eine junge Frau, die im Lockdown an ihre Kindheit auf dem Land zurückdenkt und plötzlich erkennt, wie viele Krisen schon da unaufhaltsam auf die Bevölkerung zugeströmt sind. Absterbende Bäume, aussterbende Tier- und Pflanzenarten, prekäre Arbeitssituationen kommen zusammen, über allem steht der Klimawandel, aber die Erzählperspektive der jungen Protagonistin sorgt dafür, dass nicht alle Zusammenhänge sofort begriffen werden, was sich für Wolf durchaus interessant liest. Ihm gefällt die "schnörkellose" Schreibweise, der didaktische Anteil des Buches jedoch missfällt ihm, zumal, wie er abschließend betont, eine hohe Menge an Konzentration vonnöten ist, um der doch eher handlungsarmen Geschichte folgen zu können.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.08.2024

Rezensentin Sylvia Staude zeigt sich sehr beeindruckt von Daisy Hildyards neuem Roman. Darin lässt die britische Autorin die Leserin ins Yorkshire der 1990er Jahre eintauchen. Alltägliche Ereignisse - wie die Stilllegung eines Steinbruchs und damit verbundene Jobverluste, die Krankheit einer Schulkameradin - werden, so Staude, ruhig erzählt. Dabei spielt laut der Rezensentin immer das Verhältnis von Mensch und Umwelt eine Rolle, und Hildyard, aus der Ich-Perspektive eines jungen Mädchens erzählend, zoomt nah an die umgebende Natur heran. Staude lobt besonders, wie dabei die Aufmerksamkeit auf das ,Kleine' - eine Feldmaus, Moose, eine auf einen Stein kletternde Kröte - gelenkt wird. Der titelgebende Notstand ist, so die Rezensentin, im unaufgeregten, doch steten Bewusstsein der Klimakrise präsent. Ein von Esther Kinsky brillant übersetzter Roman, den Staude nur empfehlen kann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.06.2024

Mit "Notstand" ist der britischen Autorin Daisy Hildyard ein beeindruckendes Beispiel für Nature-Writing in Zeiten des Klimawandels gelungen, findet Rezensent Nico Bleutge. Darin widmet sich die Tochter eines bekannten Ökologen detailreichen Beobachtungen ihrer Umwelt, deren Gemeinsames, so Bleutge, im Aufzeigen der Verbundenheit der Phänomene und der Verwobenheit der Momente liegt: Kabelbündel werden so sorgfältig geschildert wie Pilzkolonien oder der örtliche Steinbruch, dessen Übernahme durch ein kanadisches Konsortium die Arbeitsrealität vieler Menschen vor Ort verändert. Dabei beweist Hildyard dem Rezensenten zufolge nicht nur eine beeindruckende Beobachtungsgabe, sondern, besonders im Kontext des Covid-Lockdowns, in dem das Buch entstanden ist, auch sozialkritische Sensibilität. Ihre verschachtelten und eigenwilligen Sätze stehen dabei für die Überzeugung ein, dass das durch die Klimakrise veränderte Wahrnehmen auch eine neue Art des Schreibens hervorbringen muss, erkennt der Rezensent. In der kongenialen Übersetzung von Esther Kinsky kann der Rezensent dieses Buch den Lesern sehr empfehlen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.04.2024

Die Protagonistin in Daisy Hildyards neuem Roman erinnert sich an ihre Kindheit in einem nordenglischen Dorf in den 1990er Jahren, schildert Kritikerin Stephanie Caminada. Schon damals waren die Folgen des Klimawandels für die Protagonistin deutlich sichtbar: Selbst auf dem Land befinden sich schon Unmengen Plastik in den "Körpern frisch geschlüpfter Vögel", dennoch ist die Bedrohung, die Welt könnte an der Erderwärmung zugrunde gehen zum "vertrauten Hintergrundgeräusch" geworden, muss die Protagonistin feststellen. Die Wissenschaftshistorikerin Hildyard schreibt sachlich und aufmerksam gegen diese Verdrängung an und schärft den Blick auf die Verbindungen zwischen Mensch und Umwelt,  findet Caminada. Manchmal werden diese menschlich-natürlichen Verflechtungen für den Geschmack der Rezensentin etwas zu sehr betont, überall findet sie das sprachliche Motiv der "Linien, Fäden, Ketten". Das ist aber notwendig, stellt sie im gleichen Zug fest, damit klar wird, wie alles mit allem verbunden ist und welche Verantwortung jedem Einzelnen zukommt.

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