Klappentext

Patchwork, Homo-Ehe, In-vitro-Fertilisation - was die einen als Untergang des Abendlandes bezeichnen, ist für andere eine Öffnung unserer Konzepte von Liebe, Beziehung und Familie. Christina von Braun, eine der renommiertesten Kulturwissenschaftlerinnen des Landes, blickt weit in die Geschichte zurück, um zu erklären, wie sich unsere Vorstellungen von Verwandtschaft entwickelten. Ihr neues Grundlagenwerk wird unseren Blick auf die Gegenwart verändern. "Blut ist ein ganz besonderer Saft", sagt Mephisto zu Faust, den er den Pakt mit seinem Blut unterschreiben lässt. Für die Kultur des Westens sind "Blutsbande" auch die Basis von Verwandtschaft. Das gilt nicht für alle Kulturen. Christina von Braun zeigt in ihrem neuen Standardwerk, auf welchen Vorstellungen die Idee der Blutsverwandtschaft beruht und wie sich diese Vorstellungen im Zeitalter von Genetik und Reproduktionsmedizin verändern. Einerseits verfestigt sich die Idee einer langen Kette von Blutsverwandten. Auf der anderen Seite treten aber auch soziale und kulturelle Definitionen von Verwandtschaft in den Vordergrund: Vertrauen in und Verantwortung für einander ersetzen die Blutsbande.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 19.03.2018

Burkhard Müller ist enttäuscht von Christina von Brauns Buch, genauer von seinem Ertrag. Denn was die Autorin über die Bande des Bluts an Material zusammenträgt, findet er zunächst durchaus bemerkenswert. Wenn es um die genauere Betrachtung der im Buch aufgemachten Parallelitäten geht, etwa die zwischen Geld und Blut, bleibt die Autorin allerdings vage, meint Müller. Statt schlüssiger Argumentation und Methode Umkreisungen des Themas und Textmassen, die Müller schließlich erdrücken und langweilen, auch, weil vieles davon woanders deutlicher dargestellt ist, wie er findet. Ein Grundfehler liegt für den Rezensenten darin, dass sich die Autorin keine grundsätzlichen Gedanken über das Verhältnis von Kultur und Natur macht.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 16.03.2018

Rezensentin Petra Gehring kann Christina von Brauns große Studie zur Geschichte des abendländischen Konzepts der Verwandtschaft nur empfehlen. Wie die Kulturwissenschaftlerin Blut, Leib und Sinnlichkeit dem Geld und dem Geistigen gegenüberstellt und eine breit angelegte Kulturgeschichte der griechisch-römischen bzw. christlichen Patrilinearität und der jüdischen Matrilinearität entfaltet, findet sie bemerkenswert. Gehring bewundert die Detailkenntnis der Autorin, die Nüchternheit und die Anschaulichkeit der Belege im Text. Dass sich die Autorin mit der Transplantatonsmedizin und Transgender-Eltern auch aktuellen Seiten ihres Themas zuwendet, freut Gehring. Fragwürdig findet sie allerdings, wie Braun den "Westen" pauschalisiert und verschiedenste Sozial-, Wirtschaftsgeschichten und Symbolwelten in einen Topf wirft. Auch dass das Familien- und Erbrecht, die Gesetzgebung und die Pragmatik im Buch praktisch nicht vorkommen, hält die Rezensentin für eine echte Schwäche.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.03.2018

Die Geschlechterforscherin Christina von Braun überrascht Rezensent Adrian Daub in "Blutsbande. Verwandtschaft als Kulturgeschichte" mit der These, dass die modernen Techniken des Vaterschaftsnachweises und der Reproduktionsmedizin aus den traditionellen, symbolisch aufgeladenen Auffassungen von Blutsverwandtschaft entstanden seien, anstatt sie zu schwächen. Nach wie vor speisen sich die Vorstellungen von Verwandtschaft aus der Festlegung des Männlichen auf die Beherrschung der Natur vermittels Kulturtechnik, während das Weibliche das symbolisiert, was beherrscht werden muss, lernt Daub bei von Braun. Darüber hinaus erhält der Kritiker in diesem Buch einen instruktiven Einblick in die Kulturgeschichte von den frühesten Anfängen über die aristotelische Zeugungstheorie bis zum Poststrukturalismus und zur Psychoanalyse.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 11.03.2018

Rezensent Cord Riechelmann folgt Christina von Braun fasziniert durch ihre Kulturgeschichte der Verwandtschaft. Laut Kritiker schlägt Braun einen Bogen von frühen, vermeintlich archaischen Arten der Wahlverwandtschaft über das lange Zeit in der westlichen Welt dominante Bild der Blutsverwandtschaft hin zu den heutigen Formen familiärer Mobilität. Riechelmann lernt von ihr, dass die Tradition, Verwandtschaft als patrilineare Blutsbande zu bestimmen, derzeit durch den Siegeszug der Patchworkfamilie, die homosexuelle Elternschaft sowie die Möglichkeiten, die die zeitgenössische Reproduktionsmedizin eröffnet, an Boden verliert. Dass Braun Professorin für Kulturtheorie mit Schwerpunkt Geschlecht und Geschichte an der Humboldt-Universität Berlin ist, spürt der Kritiker: Man könne trotz des hohen Abstraktionsgrades immer gut folgen, freut sich der Rezensent. Besonders vergnügt hat er Brauns Forderung an die Psychoanalyse gelesen, ein begriffliches Instrumentarium zu entwickeln, das über das im Modell der Blutsverwandtschaft verhaftete Dreieck Vater, Mutter, Kind hinausgehe.