Campus Verlag, Frankfurt am Main 2026
ISBN
9783593521985 Kartoniert, 180 Seiten, 29,00
EUR
Klappentext
Die Demokratie in Deutschland steckt in einer Krise - auch weil politische Kompromisse nach wie vor ausschließlich innerhalb starrer Koalitionskorsette gedacht werden. Regierungsparteien zwingen sich darin zu umfassender Einigkeit und schließen die Opposition kategorisch aus. Doch diese rigide Mehrheitsbildung passt längst nicht mehr zur gewachsenen gesellschaftlichen und parteipolitischen Pluralität. Die Folgen: Überdehnte Kompromisse führen zu enttäuschten Wählern, abgeschliffenen Parteiprofilen und einer Stärkung radikaler Kräfte. Christian Stecker plädiert für einen Wandel hin zu themenspezifischen, flexiblen Mehrheiten: Statt stets dieselbe (Regierungs)Mehrheit zu bilden und Kompromissmengen mit Oppositionsparteien links und rechts liegen zu lassen, könnten Parteien im parlamentarischen Alltag flexible Mehrheiten nutzen, um ihre Kernpositionen deutlicher zu vertreten und dennoch die Handlungsfähigkeit von Politik zu erhöhen; dies würde auch einen konstruktiveren Umgang mit der AfD und der "Brandmauer" gegen sie ermöglichen. Anhand konkreter Beispiele illustriert das Buch, welche Kosten festgefahrene Koalitionen erzeugen und wie eine Politik der flexiblen Mehrheiten mit agree-to-disagree-Klauseln oder in Minderheitsregierungen neue Chancen für eine lebendigere und zugleich stabilere Demokratie eröffnet.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 17.08.2026
Seit und wegen der Weimarer Republik sind Minderheitsregierungen so eine Art Urangst der Deutschen, hält Rezensent Robert Probst fest. Mit diesem Thema setzt sich auch der Darmstädter Politikwissenschaftler Christian Strecker auseinander, da auch unsere aktuelle Parteienlandschaft sich immer mehr Richtung Splitter entwickelt. Für den Autor ist klar, dass die Parteien die Idee einer Brandmauer über Bord werfen und sich auf "flexible Mehrheiten" einlassen sollten: Ständig Kompromisse eingehen und die Parteilinie verraten müssen, nur um vier Jahre Stabilität im Bundestag zu haben, ist ihm zufolge nicht sinnvoll. Dass das funktionieren kann, zeigen ihm beispielsweise Neuseeland und Dänemark. Stecker will die Brandmauer auch deshalb dem Vergessen überantworten, weil er davon ausgeht, dass das politische Tagesgeschäft gemeinsam mit anderen Parteien die AfD Richtung Mitte zwingt. Daran hat Probst ganz große Zweifel, auch eine Auseinandersetzung mit deren demokratiefeindlichen Aspekten vermisst er schmerzlich. Lobenswert findet er aber, wie der Politikwissenschaftler das Dilemma der CDU aufschlüsselt, die in Koalitionen oft ihre Linie einbüßen muss.
Originell, wenn auch in entscheidenden Punkten nicht überzeugend findet Rezensent Eckhard Jesse Christian Steckers Buch über beziehungsweise wider die gängige Koalitionspraxis in der deutschen Politik. Der Ausgangspunkt ist eine Analyse, die, so Jesse, nicht von der Hand zu weisen ist: Das deutsche Parteiensystem zersplittert mehr und mehr, Koalitionen werden zunehmend instabil, weil sie sehr unterschiedliche Partner und Interessen unter einen Hut bringen müssen. Der Lösungsvorschlag, den der Politikwissenschaftler Stecker unterbreitet, läuft darauf hinaus, dass das von ihm sogenannte "Koaltionskorsett" gelöst wird und die verschiedenen politischen Lagern in verschiedenen Sachfragen wechselnde Mehrheiten suchen können. Eine solche Position läuft freilich, argumentiert Jesse, nicht nur auf eine Trennung von Regierungs- und Parlamentsarbeit hinaus, sondern, konsequent zu Ende gedacht, auf direkte Demokratie - allzu realistisch findet der Rezensent die Vorschläge nicht. Mehr anfangen kann er mit Steckers Kritik der Brandmauer, die letztlich dazu führt, dass einerseits linke Parteien die CDU inhaltlich vor sich her treiben; und andererseits die AfD immer stärker wird, weil sie gar nicht beweise muss, dass ihre kruden Vorschläge auch funktionieren würden. Insofern fällt Steckers Fazit ambivalent aus - insbesondere für Fachleute ist diese neue Wege einschlagene Studie freilich unbedingt lesenswert.
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