Zeit der Zauderer - warum Deutschland die Zeitenwende verschläft Sonntag, 27. Februar 2022. Olaf Scholz tritt im Bundestag ans Rednerpult: Zeitenwende. An diesem Tag beginnt das Buch von Christian Schweppe. Der Journalist hat sich an die Fersen derjenigen geheftet, die des Kanzlers Worte in Taten übersetzen müssen: Minister, Abgeordnete, Militärs. Er fährt in Munitionsdepots und auf alte Militärflugplätze. Er wertet geheime Papiere aus, taucht tief ein in die Welt der deutschen Armee und folgt auch der Spur des Geldes, denn die Rüstungsindustrie wittert das große Geschäft, seit der Kanzler Aufrüstung versprochen hat. Zweieinhalb Jahre später wird klar: Die Welt mag in einer neuen Zeit aufgewacht sein, die Bundeswehr ist es nicht. Diese Langzeitreportage zeigt, wie es dazu kam und warum. Mehr als zwei Jahre ist Christian Schweppe durchs Land gereist und hat beobachtet, was aus der versprochenen deutschen Zeitenwende jenseits von Ankündigungen und Plänen wirklich geworden ist. Er besucht Munitionslager und geheime Flugplätze. Er sitzt mit Christine Lambrecht im Regierungsflieger und verfolgt ihren politischen Absturz. Er zeigt auf, wie wertvolle Zeit verschwendet wird. Er trifft einfache Soldaten und ranghohe Generäle, besucht den verschwiegenen Verteidigungsausschuss und seine Vorsitzende, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, die sich immer mehr zur Gegenspielerin des Kanzlers entwickelt. Am Ende der Recherchen steht ein bitteres Bild: Die Bundesrepublik ist trotz allem nicht wirklich sicherer geworden. Im Kriegsfall wären wir weitgehend wehrlos. Warum?
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 04.11.2024
Die "Zeitenwende", die Kanzler Olaf Scholz nach dem Beginn des Angriffskrieges auf die Ukraine für die Bundeswehr angekündigt hat, ist nicht eingetreten, lernt Kritiker und selbst Historiker Florian Keisinger vom Publizisten Christian Schweppe. Trotz gegenteiliger Versprechen ist die Bundeswehr in einem desolaten Zustand, Geld fehlt an allen Ecken und Enden und Schweppe hat sich in vielen Gesprächen mit Verantwortlichen wie dem Verteidigungsminister auf die Suche nach Gründen begeben, lesen wir. Für Keisinger ist der Neuigkeitswert des Buches im Ganzen eher gering, vieles ist längst bekannt, auch der "bemüht-geheimniskrämerische Tonfall" nervt ihn. Spannend hingegen sind für ihn die Passagen, in denen der Autor sich ins Innere der Armee bewegt und mit einem Kommandeur spricht, der nach 26 Jahren seinen Job aus Frust über die Situation aufgegeben hat. Ein Buch, das zurecht ein wenig optimistisches Bild der Bundeswehr zeichnet, schließt der Rezensent.
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