Die Studie befasst sich mit der Darlegung und Interpretation eines Sachverhalts, der an einer Reihe von Erzähltexten unterschiedlicher, aber für die Herausbildung eines modernen Erzählstils gleichermassen wichtiger Autoren - Franz Kafka, Herman Melville, Maurice Blanchot und Henry James - herausgestellt wird. Es handelt sich um die Tatsache, dass in all diesen Texten das in unterschiedlichen inhaltlichen Gestalten repräsentierte Motiv der Unschuld den Anlass und zugleich die kritische Grenze der fiktionalen Darstellung bildet. Indem sie Unschuld darstellen wollen, stossen die Texte auf die Begrenzheit ihres darstellenden Vermögens; indem sie von Unschuld zu sprechen suchen, wird ihnen ihr eigenes Sprechen zum Problem. Das Motiv, das zu den traditionsreichsten der Literatur des christlichen Abendlandes gehört, wird, indem es das sprachreflexive Potential der Texte freisetzt, zum Gradmesser ihrer Modernität.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.09.2006
Wenn Charles de Roche in seiner Habilitationsschrift in ausgewählten Erzählungen der Moderne nach der Unschuld forscht, kann er Bettina Heyl mit seinen spitzfindigen Erkenntnissen durchaus beeindrucken. Mithilfe von dekonstruktivistischen Theoretikern wie Jacques Derrida und Paul de Man verfolgt der französische Autor die schwierige Beziehung von Unschuld und Sprache in Texten von Franz Kafka, Herman Melville und Maurice Blanchot, wobei sich im Laufe der Untersuchung nicht selten das Geflecht der komplexen Texte "vor unseren Augen aufzulösen scheint", wie die Rezensentin warnt. Unbedarftere Leser hätten sich aber, wie sie glaubt, eher eine Geschichte des Unschuldmotivs in der Literatur seit der Antike erhofft, und hier kritisiert sie den Titel des Buches als "zumindest irreführend".
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