Carsten Jensen

Wir Ertrunkenen

Roman
Cover: Wir Ertrunkenen
Albrecht Knaus Verlag, München 2008
ISBN 9783813503012
Gebunden, 781 Seiten, 24,95 EUR

Klappentext

Aus dem Dänischen von Ulrich Sonnenberg. Alles beginnt im Jahr 1848, als der Seemann Laurids Madsen aus Marstal in den Himmel fliegt und unversehrt wieder zur Erde zurückkehrt. Der Tod hat ihn noch nicht gewollt. Später wird er sagen, seine Stiefel seien zu schwer für ein Leben da oben gewesen. Seither ist Laurids eigenartig, und irgendwann verschwindet er auf den Weltmeeren. Seine Stiefel bleiben zurück, bis sein Sohn Albert sie anzieht. Er macht sich auf den Weg in die Südsee, um seinen Vater zu suchen. Mit dem Schrumpfkopf von James Cook und dem Geheimnis der Geldvermehrung kehrt er als Reeder zurück in seine Heimatstadt. Er weiß, dass im neuen Jahrhundert die Zukunft in den Frachträumen der großen Segelschiffe liegt. Von Marstal aus sollen noch mehr Schiffe in See stechen. Doch Albert hat nicht mit den Frauen gerechnet. Sie hassen das Meer, das ihnen ihre Männer und Söhne genommen hat und immer wieder nimmt. Eine von ihnen nimmt den Kampf auf.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.05.2009

Reines Seemannsgarn ist das, mit allerlei farbigen Motiven von Schrumpfköpfen bis zu Hauptfiguren, die nach Explosionen wieder auf den Füßen landen und behaupten "Petrus' Arsch" gesehen zu haben. Aber Rezensentin Judith Leister schwingt mit. Sie lernt eine Menge über die Stadt Marstal, die mal der zweitwichtigste Hafen Dänemarks war, und durchlebt mit fühlbarer Begeisterung den hundert Jahre umfassenden Bilderbogen des Schmökers, vom deutsch-dänischen Krieg im Jahr 1848 bis zum Zweiten Weltkrieg. In Dänemark war das Buch ein Besteseller, erzählt Leister. Der Autor gilt als Ironiker, entpuppt sich hier nach Leister aber mehr als sympathischer, wenn auch nicht immer stilsicherer Epiker.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 27.11.2008

Nur Superlative hat Rezensent Jochen Jung zur Beschreibung dieses Romans parat, der ihn von der ersten bis zur siebenhunderteinundachtzigsten Seite gefesselt hat. Nicht nur, dass Autor Carsten Jensen ein hinreißender Erzähler sei. Es gehe um die Geschichte einer kleinen Stadt auf der dänischen Insel Aerö und der Geschichte ihrer Menschen, die Jensen als nichts Geringeres denn als Menschendrama aufgefasst und beschrieben habe. Es beginne am Gründonnerstag des Jahres 1849 und ende mit der deutschen Kapitulation 1945. Dazwischen liegen für den Rezensenten ?hundert Jahre Einsamkeit, Hoffnung, Betrug, Stolz und Ausgeliefertsein.? Und die in die Geschichte der Region verwobene Geschichte von Protagonist Laurids Madsen, Geschichten von der Seefahrt, der Handelmarine und der Liebe - all das auf so magische und spannende Weise erzählt, dass sich der Rezensent nur tief vor Jensen verneigen kann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.10.2008

In seinem Familienepos "Wir Ertrunkenen" erzählt Carsten Jensen die Geschichte der immer wieder ihrer Väter beraubten Bewohner Marstals auf der dänischen Ostseeinsel Aeroe, teilt ein sehr eingenommener Ulrich Baron mit. Die Handlung des Buches erstreckt sich auf die beiden Weltkriege, lässt uns der Rezensent wissen, den besonders die vielstimmige Erzählerperspektive beeindruckt hat. Der dänische Autor lasse nämlich einen ganzen "Chor" von Erzählern berichten. In den Erinnerungen, Tagebuchaufzeichnungen, Legenden und Klatschgeschichten entstehe so ein "literarisches Denkmal" für die Marstaler. Als roter Faden zieht sich durch den Roman das Verschwinden der Marstaler Väter, sei es, dass sie als Seefahrer ertrinken oder sich, wie die Figur des das Buch eröffnenden Laurids Madsen, nach Samoa absetzen, stellt Baron fest. Besondere Bewunderung hegt er für Jensens Beherrschung seines Stoffs, denn es gelingt ihm trotz der vielstimmigen Perspektive und der vielen Abschweifungen und Nebenstränge, seine Geschichte zu ihrem "großen Finale" zu führen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.10.2008

Den Inbegriff des Schmökers sieht Peter Urban-Halle in diesem Seefahrer-Abenteuerroman des dem Rezensenten eigentlich als ironischer Kommentator bekannten dänischen Autors Carsten Jensen. Was ist geschehen? Ganz einfach, meint Urban-Halle: Der Autor hatte Lust auf Publikumserfolg. Dass der ihm gelungen ist, dafür legt der Rezensent die Hand ins Feuer und macht gleich eine ganze Reihe dafür verantwortlicher, genretypischer Faktoren aus: Die Effektvolle wie rasante Inszenierung von Blut, Schweiß und Tränen etwa, die auf Spannung, Kitsch und Gefühl abzielende Aneinanderreihung von atemberaubenden Ereignissen, an exotischen Orten, Menschenfresser und anderer Seemannsgarn inklusive, und, nicht zuletzt, ein moralisch integrer Wir-Erzähler. Da werden Jungenträume wahr, meint der Rezensent, ohne allerdings das Gefühl der Antiquiertheit loszuwerden. Gewährsleute wie Melville, Stevenson, Conrad oder Frank Schätzing (!) hin oder her. Kein neuer Mythos, urteilt Urban-Halle, sondern das Paradebeispiel des kalkulierten Erfolgs. Ein hartes Urteil.
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