Carlo Levi

Die Uhr

Roman
Cover: Die Uhr
Aufbau Verlag, Berlin 2005
ISBN 9783351030452
Gebunden, 488 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort von Verena von Koskull. Im Spätsommer 1945 herrscht in ganz Italien Aufbruchstimmung. Der Krieg ist überwunden, GIs kurven in Jeeps durch die Straßen Roms, junge Frauen bekommen von ihren "boyfriends" Seidenstrümpfe und träumen von "l'America". Auf dem Schwarzmarkt gibt es duftendes Weißbrot und Zigaretten. Ein lauer Abend, ein Akkordeon und die Freiheit sind Anlaß genug, um die Nacht hindurch zu tanzen. Die Angehörigen der verschiedenen Widerstandsgruppen glauben noch an einen gemeinsamen politischen Aufbruch. Doch schon in der ersten freien Wahl bröckelt das durch Krieg und Faschismus zusammengeschweißte Bündnis und ergibt sich dem korrupten Ränkespiel politischer Interessen, an dem Italien bis heute krankt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.03.2006

Wie auch in den anderen Romanen Carlo Levis, steht im Mittelpunkt seines 1950 erschienenen Buchs "Die Uhr", das erst jetzt in einer "kräftigen und präzisen Übersetzung" vorliegt, eine beobachtende, kommentierende und urteilende Erzählerfigur, erklärt Sven Hanuschek. Während in der Rahmengeschichte dem Ich-Erzähler Carlo die Uhr seines Vaters abhanden kommt und er von seiner Kindheit, der "intakten Zeit" träumt, gerät 1945 in Rom und Neapel die "Zeit aus den Fugen", fasst der Rezensent zusammen. Besser als die Rahmenerzählung gefallen dem Rezensenten die darin enthaltenen Episoden, in denen er das "Stärkste" des Romans sieht. Hier glänze Levi mit gelungen Charakterzeichnungen von "skurrilen Gestalten", erzähle aus den italienischen Armenvierteln oder dokumentiere "Debatten über Kunst und Politik", lobt Hanuschek. Wenn der Autor dagegen seine "neorealistischen Beobachtungen" allzu sehr überhöhen und ins "Mystische" heben möchte, ist für den Rezensenten am ehesten spürbar, dass das Buch "Kind seiner Zeit" ist. Etwas "problematisch" findet Hanuschek zudem die Figur des stets "distanzierten, abschließend urteilenden" Ich-Erzählers, dessen "Luzidität" durch keine der beschriebenen "Krisen" ins Wanken gerät.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 07.01.2006

Als "bildkräftigen Wendezeit-Roman" über das Rom im Jahre 1945 würdigt Lothar Müller dieses 1950 erschienenes, nun in einer "guten Übersetzung" vorliegendes Buch von Carlo Levi. Das Buch geriet, nach Meinung des Rezensenten zu Unrecht, in Vergessenheit, der Autor konnte nicht an seinen internationalen Erfolg seines Roman "Christus kam nur bis Eboli" 1945 anschließen. Wer sich von "Die Uhr" eine spannende Handlung erwartet, wird nach Ansicht Müllers enttäuscht werden. Ihn hat das dieser "somnambule Roman" dennoch beeindruckt, vor allem wegen seiner atmosphärisch dichten Beschreibung Roms in der Nachkriegszeit: Da sind die Mietwohnungen, Interieurs und ihre Bewohner, die dunklen Treppenhäuser, die ewigen Beamten, die Sänger und Schwadroneure in den Bars und Trattorien, die junge Mutter, die tot auf der römischen Straße liegt, nachdem ein amerikanischer Jeep vorbeigeprescht ist, die Elenden und Ratten der römischen Vorstädte und der tote Trinker im riesigen Treppenaufgang eines alten Palazzo. Das Fazit des Rezensenten: In kaum einem anderen Roman scheine Rom "so sehr organisches, atmendes Lebewesen" zu sein wie hier.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.12.2005

Rezensentin Maike Albath ist ausgesprochen angetan von diesem "großartigen Panorama der römischen Nachkriegsgesellschaft", obwohl ihr der Stil nicht besonders zusagt - sie findet ihn fast ein bisschen behäbig. Doch ihr gefällt umso besser, wie umfassend Levi, "quer durch alle Schichten hindurch", die italienische Nachkriegsgesellschaft porträtiert. Albath ist auch beeindruckt, wie scheinbar unbeteiligt und ideologiefrei Levi, der selbst im Widerstand war, die Ereignisse schildert. Dabei halte er sich keineswegs nur an seinen distanzierten Blick. Er schaffe es vielmehr, mit "naturwissenschaftlich geschultem Blick die Verhältnisse analytisch zu durchdringen, sie aber auch mit den Augen eines Malers zu betrachten, mythisch zu überhöhen und inmitten der Zerstörung nach den Urformen des Menschlichen Ausschau zu halten".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.12.2005

Carlo Levis Roman "Die Uhr" wurde bei seinem Erscheinen 1950 "kaum beachtet" und war bald vergessen, teilt Winfried Wehle mit. Und das, nachdem der italienische Autor 1945 einen weltweit gefeierten "Dokumentarroman" vorgelegt hatte, der ihn berühmt machte, so der Rezensent weiter. Levi, der in der "Resistenza" und dann am politischen Wiederaufbau Italiens beteiligt war, zog sich mit dem vorliegenden Buch aus der "politischen Aktion" zurück und verlegt sich stattdessen auf einen Widerstand mit "poetischen Mitteln", informiert Wehle. Es handelt sich um ein "Erinnerungsbuch", das hauptsächlich an drei Tagen 1945 spielt, an denen Ferruccio Parri die Regierung stürzte und damit alle "Hoffnungen auf ein neues Italien" zunichte machte, fasst Wehle zusammen. Für die poetische Sprache mit seinen sich über die "bedrängenden Realien hinwegsetzenden" Metaphern und Analogien waren die Zeitgenossen wohl noch nicht bereit, sie hatten vielmehr das Bedürfnis nach "Anklage, Abrechnung, deutlichen Worten" und warfen Levi deshalb "Ästhetizismus und Indifferenz" vor, berichtet Wehle, der aus heutiger Sicht die "feinsinnige geistige Mobilmachung" bewundert, die der Roman unternimmt. Das Buch sei eine "ebenso abgründige wie lebendig fabulierende Liebeserklärung an das Leben", bilanziert der Rezensent.
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