Während der 1970er und 1980er Jahre wuchsen die Ansprüche an demokratische Teilhabe erheblich. Viele Menschen mischten sich in die Politik ein, doch oft scheiterten ihre Hoffnungen, die Gesellschaft zum Besseren zu verändern. Wie gingen die Engagierten damit um? Welche langfristigen Folgen zogen enttäuschte Erwartungen nach sich? Diese Studie untersucht die emotionale Verarbeitung von politischen Alltagserfahrungen in Parteien, Gewerkschaften und sozialen Bewegungen. Sie analysiert Enttäuschung als Gegenwartsdeutung, als Beziehungsmarker und als Argument in politischen Deutungskämpfen. Sie zeigt, dass der demokratische Wettstreit um die Herzen nicht weniger intensiv geführt wurde als um die Hirne. Kollektive Gefühle werden so fassbar als Teil einer Erfahrungsgeschichte der Demokratie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.04.2019
Als "klug und bemerkenswert unaufgeregt" charakterisiert der emeritierte Potsdamer Historiker Manfred Görtemaker dieses Buch, das eine Tour d'horizon über Aufbruchshoffnungen und den damit verbundenen Enttäuschungen in der Bundesrepublik nach 1945 biete. Drei Fallstudien nennt er: Die für ein Abtreibungsrecht kämpfende Frauenbewegung Anfang der Siebziger, das Mitbestimmungsgesetz etwas später und die Steuerreform der christlich-liberalen Koalition in den Achtzigern. Natürlich hätten all diese Reformen nicht die in sie gesetzten Erwartungen erfüllt. Aber es sei in der Bundesrepublik gelungen, die Enttäuschung als geradezu "revitalisierende Kraft" einzusetzen. Nie sei das "Vertrauen in die Gestaltungsmöglichkeit" verloren gegangen. Ob es in dem Band eine Reflexion über die Gegenwart oder eine Entgegensetzung zwischen damals und heute gibt, erwähnt der Rezensent nicht, der sich nur den Erkenntnissen des Bandes anschließt und davor warnt, voreilig Epochenbrüche zu diagnostizieren.
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