Bernd Roeck

Ketzer, Künstler und Dämonen

Die Welten des Goldschmieds David Altenstetter
Cover: Ketzer, Künstler und Dämonen
C. H. Beck Verlag, München 2009
ISBN 9783406591716
Gebunden, 288 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Augsburg im späten 16. Jahrhundert war der Ort eines prekären Gleichgewichts. Nicht nur haderten die beiden großen Konfessionen miteinander um die Deutung der menschlichen Existenz und die weltliche Macht. Die Menschen waren auch hin- und hergerissen zwischen christlichen und magischen Vorstellungen. Geister, Werwölfe und Untote bevölkerten die Traumlandschaften der Zeitgenossen, Pest und Türkengefahr nährten Phantasien vom drohenden Weltende. Bernd Roeck macht sich auf die Spurensuche jener schillernd sinistren Welt der Frühen Neuzeit. Indem er Stück für Stück die Biografie des brillanten Goldschmieds David Altenstetter rekonstruiert, macht er das Leben in einer deutschen Stadt mit allen Sinnen erfahrbar und führt in die längst verdrängte spirituelle Geschichte des 16. Jahrhunderts ein. Roecks Buch ist nicht weniger als eine glänzend erzählte archäologische Reise ins Unbewusste der europäischen Kultur.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 31.03.2010

Bernd Roeck wird vom Rezensenten Wolfgang E. J. Weber als Erzähler geschätzt, der sein Wissen als frühneuzeitlicher Historiker, kenntnisreich, verständlich und auf der Höhe seiner Wissenschaft spannend zu vermitteln weiß. Auch das vorliegende Buch über den Augsburger Goldschmied David Altenstetter enttäuscht den Rezensenten in dieser Hinsicht nicht, wie er freudig vermelden kann. Gebannt folgt er Roecks Biografie des um 1550 geborenen Goldschmieds, der wegen seiner Anhängerschaft der als Ketzer geächteten mystisch-spiritualistischen Schwenckfelder 1598 verhört wurde. Dem Autor gelingt es nicht nur, den Goldschmied und seine Goldschmiedearbeiten dem Leser plastisch vor Augen zu stellen, er schafft mit seinem Buch auch ein anschauliches Porträt der Zeit, lobt Weber. Dass er mitunter zu dramatisierenden Formulierungen und allzu gegenwärtigem Jargon greift, verzeiht ihm der Rezensent bereitwillig, weil er mit Roecks Buch eine Zeit zwischen "diesseitiger Lust und jenseitigem Eifer" anschaulich erschlossen sieht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10.03.2010

Das ist mal was, ein neues Genre, so kommt es dem Rezensenten vor, hat der Autor da erarbeitet: Histo-Fiction. Dafür dass der Spagat gut geht, bürgen laut Caspar Hirschi die Erfahrung, das Wissen und die Sorgfalt des Historikers Bernd Roeck, sein unbändiger Erfindergeist, sein Humor und seine Gestaltungsgabe, die Hirschi den Text stellenweise wie ein Drehbuch lesen lässt. Heraus kommt, das erfahren wir von Hirschi, eine Zeitreise mit einem Vertreter der europäischen Aufklärung, dem Goldschmied und religiösen Freigeist David Altenstetter als Held. Ein auf wenigen Daten fußendes, historiografisch gestütztes Leseabenteuer, eine "Biografie im Konjunktiv", ein Zeitgemälde, das Gestank, Folter, Kälte und Dunkelheit transportiert und die hell leuchtende Gestalt des "guten Europäers". Wenn Roeck zwischen Verbürgtem und Vermutetem klar unterscheidet, wie zumeist, ist der Rezensent froh, wenn mitunter ein höherer Wahrheitsanspruch sich Bahn bricht, wird ihm allerdings mulmig.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 12.02.2010

Nichts von Gediegenheit in diesem Buch, stattdessen katapultiert es Jutta Person vermittels "opulenter Drastik" direkt ins 16. Jahrhundert. Das liegt an der lustvoll zelebrierten Fabulier- und Spekulationskunst des Autors, der selbst "ein bisschen alchemistisch" beschlagen ist, wenn wir Person glauben wollen. Nicht nur gelingt es Bernd Roeck laut Person, dem Leser eine fremde ferne Welt zu eröffnen, mehr noch erstaunt sie, wie der Autor hier einen der Ketzerei verdächtigten Goldschmied und sein ornamentales Handwerk zum Scharnier eines Epochenbruchs macht, dem Moment, als sich die Kunst in Sachen Welterschließung zur Konkurrentin der Religion aufschwingt. Geleitet vom Autor tritt Person aus der Schmiedewerkstatt in ein Diorama, dass ihr die religiösen und künstlerischen Ambivalenzen der Zeit ebenso erfahrbar macht, wie den Geruch von Kohlsuppe und das Kerzenflackern in den Verhörgewölben der Inquisition.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.09.2009

Caroline Schnyder hat sich fasziniert in Bernd Roecks Studie über den im 16. Jahrhundert tätigen Goldschmied David Altenstetter vertieft und viel über die profane und religiöse Welt des frühneuzeitlichen Augsburg erfahren. Der Historiker, ausgewiesener Renaissance-Kenner, hat aus Quellen wie Steuerbüchern, Protokollen von Verhören, die der Goldschmied wegen seiner ungeklärten Religionszugehörigkeit ertragen musste, oder Briefen geschöpft und lässt so eine Zeit lebendig werden, die vor allem von religiösen Auseinandersetzungen geprägt war, erklärt die Rezensentin. Dass sich Roeck dabei auf Spekulationen einlässt, wie es gewesen sein könnte, findet sie legitim und erhellend, und so gewinnen Zeit, Ort und Person Kontur und Farbe, wie sie lobt. Es würden viele anregende Fragen in diesem Buch aufgeworfen und zudem den so genannten "Schwenckfeldianern", einer reformierten Religionsbewegung, zu der auch Altenstetter Kontakt hatte, ein "kleines Denkmal" gesetzt, so Schnyder interessiert.