Baltasar Gracian

Das Kritikon

Roman
Ammann Verlag, Zürich 2001
ISBN 9783250104377
Gebunden, 1012 Seiten, 65,90 EUR

Klappentext

Subskriptionspreis bis 31. 1. 2002 98 DM, danach 128 DM. Aus dem Spanischen von Hartmut Köhler. Mit einem Nachwort von Hans Rüdiger Schwab. Critilo, ein zivilisierter Abenteurer, wird in St. Helena (der Insel im Atlantik, die später zum letzten Exilort Napoleons werden sollte) als Schiffbrüchiger an Land gespült und trifft dort auf einen Menschen, der ohne Kleider wild unter Tieren lebt, Andrenio sein Name. Critilo wird zum Meister seines Retters, und die beiden, Meister und Schüler, ziehen auf der Suche nach der verschollenen Geliebten Critilos durch Spanien, Frankreich schlußendlich nach Italien.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.01.2002

Den Autor aus dem Schatten von Calderon, Gongora und Cervantes hervortreten zu lassen, scheint dieser "allegorisch-philosophische Roman" dem Rezensenten bestens geeignet. Hat sich der Leser erst lange genug geärgert über die im Buch vorgetragenen moralphilosophischen Reflexionen, über "satirische Schärfe, Kaskaden von Antithesen und Wortspielen, Periphrasen und Allegorien" und über die mangelnde Charakterisierung der bloß allegorisch wirkenden Protagonisten, tröstet uns Ralph Rainer Wuthenow in seiner umfangreichen Besprechung, so erwartet ihn "so etwas wie eine dantesche Wanderung". Und die sei nicht nur lehrreich, sondern auch unterhaltsam. Danken möchte Wuthenow diese Erfahrung nicht zuletzt den angefügten Anmerkungen und einer Übersetzung, die mit "Fantasie, Sprachwitz, Kenntnis wie Scharfsinn" glänzt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2001

Hartmut Köhler hat in seinem Nachwort zu seiner Neuübersetzung des "El Criticon" die Meinung vertreten, dieses Werk treffe sich "aufs Glücklichste mit einer großen Faszination unserer sogenannten Postmoderne". Diese Auffassung kann Heinz Schlaffer ganz und gar nicht teilen. Er sehe sich vielmehr konfrontiert mit tausend Seiten, angefüllt mit krausen Sinnbildern, hintersinnigen Explikationen und vielem anderen, was bei ihm weder Verständnis weckt noch Genuss erzeugt. Der Rezensent ist überzeugt, dass man bei diesem Buch viel Geduld und Bereitschaft benötigt, sich auf "das Nicht-Aktuelle, auf ein abgelegenes und abgelegtes Bild der frühen Neuzeit einzulassen", ebenso auf Anmerkungen, die das Befremdliche begreifbar machen. Dies leiste, betont er, der vorzügliche Kommentar zu der ebenso vorzüglichen Übersetzung .Nach dieser kurzen Einstimmung gibt Schlaffer einen ausführlichen Überblick über das, was den Leser des Kritikons erwartet: So hat dieser Roman zum Beispiel keine eigentliche Handlung, er trägt die Gattungsbezeichnung wohl nur, um Leser anzulocken, vermutet der Rezensent. Das zum damaligen Zeitpunkt bereits verbrauchte Handlungsschema des jungen Mannes, der auf der Suche nach seiner Geliebten durch die Welt reist, diene dem Autor nur dazu, um Gedankenorte abzustecken. Anstelle von Personen treffe der Leser auf Allegorien und arrangierte Symbolszenen, was Schlaffer für das 17. Jahrhundert als typisch bezeichnet. Gracian habe mit seinem Werk den Versuch unternommen, die Formeln der moralischen Erfahrung seiner Zeit zu Papier zu bringen, resumiert Schlaffer, und das dies nicht langatmig sei, beweise die Kürze seiner Rhetorik trotz der Länge des Gesamtwerkes.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2001

Nicht nur von dem Roman Gracians, sondern auch von dessen neuer Übersetzung zeigt sich Kersten Knipp begeistert. Gracian sei ein Meister darin, ein anschauliches und überaus düsteres Sittengemälde seiner Zeit, des 17. Jahrhunderts in Spanien, zu zeichnen, wobei die Klage des Moralisten vom "Historischen ins Grundsätzliche" ausgeweitet werde. Die Übersetzung von Hartmut Köhler lobt Knipp als wunderbar gelungene Nachdichtung, in der weder sprachliche Eigenheiten noch Wortwitz des Originals verloren gingen. Zudem gebe es einen äußerst hilfreichen Anmerkungsapparat, der sowohl das Lesevergnügen erhöhe als auch den Wissensdurst befriedige.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.10.2001

Der Übersetzer Hartmut Köhler und der Amman-Verlag haben mehr als 1000 Seiten aus dem spanischen Barock ins Deutsche und in die Gegenwart gerettet. Hat es sich gelohnt? Unbedingt, meint der Rezensent Fritz Rudolf Fries, der Balthasar Gracians Roman "Der Kritikon" gleich am Anfang als das "totale Buch" bezeichnet - und eine erste Parallele zu Jean Paul zieht, von dem er es sich am liebsten hätte übersetzen lassen. Nicht dass Hartmut Köhler seine Sache schlecht gemacht hätte, sehr gut jedenfalls findet es Fries, dass er der Maxime Schopenhauers gefolgt ist, "dass eine Übersetzung allemal verständlicher ausfallen soll als das Original". Ebenso gut ist es Köhler offenbar gelungen, das "Labyrinth doppeldeutiger Sätze" ebenso wie die "vielen Wortspiele, Sprichwörter und willkürlichen Etymologien des Jesuitenpaters" zu bewahren. Erwähnt wird die ausführliche Kommentierung des Textes, gelobt wird das Fries allerdings ein kleines bisschen zu positivistische Nachwort. Und gewarnt wird der Leser: Am Ende seines Lektürewegs kehrt er als "ein neuer Mensch" zurück in den Alltag.
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