Klappentext

Wie wurde und wird Kunstgeschichte sichtbar gemacht? Stammbäume, Diagramme, Tabellen - das Buch von Astrit Schmidt-Burkhardt gibt dazu vom frühen 19. Jahrhundert bis heute Auskunft. Gleichzeitig zerstört dieses Werk eine Legende: die vom radikalen Traditionsbruch, wie sie die Avantgarde von sich verbreitet hat. Die Akzeptanz dieser Erfindung schien so unumstößlich, dass die Denkfigur, die darin festgeschrieben ist, bis heute ohne kritischen Einwand blieb. Kunststammbäume sind genealogische Konstruktionen, mit denen Künstler wie Historiker unsere Ansicht und unser Urteilsvermögen über den Verlauf der Kunst nachhaltig prägen. Ihre ikonische Darstellung der Epochenfolge und ihre diagrammatische Verortung der Künstler brachten System in den Ablauf der Geschichte. Die anschaulichen Verzweigungsordnungen erleichtern den Umgang mit komplexen Sachverhalten und ermöglichen so neue Einsichten.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 31.08.2005

Als "umwälzende Untersuchung" zur künstlerischen Avantgarde würdigt Rezensent Horst Bredekamp diese kunsthistorische Habilitationsschrift von Astrit Schmidt-Burkhardt. Die Autorin kann nach Ansicht Bredekamps überzeugend zeigen, dass der Anspruch der Avantgardebewegungen der Moderne, mit der Tradition zu brechen und völlig neue Ausdrucksformen zu finden, im Moment seiner Formulierung auf die Geschichte bezogen war. "Neu war nie die Kunst selbst", formuliert Bredekamp pointiert, "sondern die doppelpolige Reflexion ihrer Voraussetzungen". Im Hauptteil des Buchs, den er als ebenso "überraschend" wie "brillant" lobt, untersuche die Autorin die Verwendung diagrammatischer Motive durch Künstler, die das Denken in Kontinuitäten ironisierten und dennoch unentwegt neue Stammbäume und Beziehungsgeflechte produzierten. Im Mittelpunkt sieht Bredekamp dabei drei Hauptfiguren kunsthistorischer Diagrammatik: Alfred Barr, der als erster Direktor des Museum of Modern Art in New York mit Stammbaum-Diagrammen das Bild der modernen Kunst prägte, der New Yorker Künstler Ad Reinhardt, der Baumkarikaturen zeichnete, in denen er die abstrakte Kunst in prächtige Kronen auffächerte, und George Manciunas, Kopf der Fluxus-Bewegung, der die kunsthistorischen Stammbäume zu einer veritablen Kunstform entwickelte. Zusammenfassend charakterisiert Bredekamp das Werk als "höchst eindrucksvolle Rekonstruktion der Avantgarde als Doppelbewegung von Zeitriss und Kontinuität". Dabei hebt er hervor, dass dem "vorzüglichen" Text mehr als zweihundert Abbildungen von Baumdiagrammen korrespondieren, "die ein veritables Kino der künstlerischen und kunsthistorischen Metaphernbildung vorführen".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.08.2005

Die Habilitationsschrift besteht zu einem Drittel aus Fußnoten und einem weiteren aus Bilddokumenten - und die Rezensenten Petra Kipphoff ist ganz begeistert. Denn gerade dieser umfangreiche Apparat mache den Reiz dieses Buchs aus. Die Kunsthistorikerin Astrit Schmidt-Burkhardt erforscht darin all die "Stammbäume, Panoramen, Listen, Tabellen und Diagramme", mit deren Hilfe die Geschichte der Kunst und der Künstler in ein System gebracht werden sollte und zu Kipphoffs Freude tut sie dies mit dem "Furor der Präzision". Dabei entwerfe Schmidt-Burkhardt keine alternative Kunstgeschichte, stelle aber durchaus die Frage nach dem Selbstverständnis der vorherrschenden, ihrer Methoden und Aufgabenbereiche, informiert Kipphoff. Angesichts all der versammelten Diagramme (Alfred H. Barrs waren immer "halb Torpedo und halb Walfisch") und würfelförmigen "East.Art.Maps" schließt die hingerissene Rezensentin, dass solche genealogischen Darstellungen durchaus eine Rationalitätsfalle sein können, aber auch ein "Mehrfachleben führen zwischen Instrument, Dokument und Kunstwerk".