Arundhati Roy

Das Ministerium des äußersten Glücks

Roman
Cover: Das Ministerium des äußersten Glücks
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2017
ISBN 9783100025340
Gebunden, 560 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Anette Grube. "Das Ministerium des äußersten Glücks" führt uns an den unwahrscheinlichsten Ort, um das Glück zu finden. Eine Reihe ausgestoßener Helden ist hier mit ihrem Schicksal konfrontiert, aber sie finden eine Gemeinschaft, sie bilden eine Familie der besonderen Art. Auf einem Friedhof in der Altstadt von Delhi wird ein handgeknüpfter Teppich ausgerollt. Auf einem Bürgersteig taucht unverhofft ein Baby auf. In einem verschneiten Tal schreibt ein Vater einen Brief an seine 5-jährige Tochter über die vielen Menschen, die zu ihrer Beerdigung kamen. In einem Zimmer im ersten Stock liest eine einsame Frau die Notizbücher ihres Geliebten. Im Jannat Guest House umarmen sich im Schlaf fest zwei Menschen, als hätten sie sich eben erst getroffen - dabei kennen sie einander schon ein Leben lang.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.2017

Andreas Platthaus rühmt Arundhati Roys neuen Roman als kunstvolle Allegorie auf die Geschichte Indiens. An die Brüder Grimm fühlt er sich erinnert, wenn Roy das Schreckliche mit dem Opulenten verbindet, den blutigen Kaschmir-Konflikt, die Kasten- und Gaubenskämpfe mit "pathetisch-ästhetischen" Fabeln über Leben und Liebe. Auch wenn es ihm nicht immer leichtfällt, den mannigfachen Erzählfäden zu folgen, das immer wieder auftauchende Pathos zu verdauen, die vielen Liebeserklärungen der Autorin an ihr Land und seine Menschen, laut Platthaus im Ton gut eingefangen von Anette Grube, stimmen den Rezensenten milde. Und Roys Erzähltalent ist für Platthaus trotz aller politischen Verve der Autorin stets erkennbar.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.08.2017

Rezensentin Angela Schader lässt sich von Arundhati Roy mitten in die geschäftigen Straßen Delhis entführen. Roys neuer Roman nach langer Zeit überrascht Schader zunächst mit seiner weitgespannten historischen Perspektive. Vom Kaschmirkonflikt über antimuslimische Pogrome und Hermaphroditentum bis zur Gentrifizierung Delhis reicht das Themenspektrum laut Schader. Interessant für die Rezensentin, dass Roy ihre Beschreibungskunst diesmal vor allem einem beängstigend schlauen Geheimdienstler angedeihen lässt, auch wenn eine rebellische Aktivistin im Text klar Wesenszüge der Autorin trägt, wie Schader feststellt. Für die Rezensentin ein Hinweis auf Roys Fähigkeit, über Grenzen hinwegzudenken. Formal erscheint Schader der Text allerdings nicht sehr meisterlich, allzu forciert manche Engführung, zu überfrachtet die Handlungsstränge. Und das Finale findet Schader auch zu rosig.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.08.2017

Für den Rezensenten Jörg Häntzschel geht Arundhati Roys Konzept, das indische Chaos darzustellen, nicht auf. Laut Rezensent liegt das daran, dass es Roy nicht gelingt, dafür eine überzeugende Form zu finden. Das Chaos einfach literarisch zu wiederholen, indem man die Gewalt und das Leid der vielen Konflikte auf dem Subkontinent möglichst gnadenlos und haufenweise schildert, führt zu keinem befriedigenden Ergebnis, meint Häntzschel. Atemlos liest er sich durch Dutzende Geschichten von Folter, Misshandlung und Blut und atmet regelrecht auf, wenn die Autorin von der Schilderung, was es heißt, in Indien Muslim zu sein oder in Kaschmir für Gerechtigkeit einzutreten, kurz absieht und zu einer Liebesgeschichte wechselt. Die durchaus im Text vorhandenen literarischen Momente sind außerdem viel zu selten, um die vielen Inkonsistenzen im Ton aufzuwiegen, meint Häntzschel.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.08.2017

In seiner sehr erzählerischen Rezension beschreibt Arno Widmann Arundhati Roys "Das Ministerium des äußeren Glücks" als "unerträglich für die, die alles verstehen wollen". Roy, warnt der Rezensent vor, erzählt in diesem Roman mit unheimlicher Geschwindigkeit, eine fast unendliche Zahl von Geschichten. Dabei ist bei Geschwindigkeit nicht die Rede von dramatischen Verfolgungsjagden, sondern von der Fülle der Gespräche zwischen den Charakteren und der Art, wie die Autorin zwischen diesen hin und her springt. Ausgehend von ihrem Protagonisten, einem Hermaphrodit, zeige sie eine Momentaufnahme Indiens in all seinen Facetten und erzeuge ein Chaos, in dem der Leser sich zwischen den vielen unbekannten Worten und Sprachen, die nicht übersetzt sind, zwar manchmal ein wenig verloren fühlen kann, das aber auch den Blick auf die eigene Umgebung anders werden lässt, resümiert Arno Widmann hingerissen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 03.08.2017

In jedem Fall ist Arundhati Roys zwanzig Jahre nach dem "Gott der kleinen Dinge" erschienener zweiter Roman eine Sensation, versichert Rezensent Jan Ross. Und zugleich ein ebenso grandioses wie "misslungenes" Buch, fährt der Kritiker fort: Prall gefüllt mit poetischen Sentenzen und Witz erscheint ihm zumindest der erste Teil des Romans wie ein "subversiver, gegen den Strich gebürsteter Heimatroman", der die anarchischen und volkstümlichen Ecken Delhis beleuchtet. In diesem Teil erzählt Roy die Geschichte von Anjum, einem Hijra, wie in Indien Transvestiten, Hermaphroditen oder Transgender-Personen genannt werden. Im zweiten Teil geht dann die Kapitalismuskritikerin und Aktivistin mit Roy allzu sehr durch, stellt Ross fest: Wenn die Autorin ihm anhand der Geschichte von vier Studienfreunden das gesamte politische Spektrum Indiens schildert, indem sie etwa die Gewalt gegen die "Unberührbaren", die Religionsunruhen von 2002 oder die Repression und Rebellion in Kaschmir miteinflicht, tritt an die Stelle atmosphärischer Dichte zu viel "moralische Empörung" und den "Erzählfluss verstopfende" Dokumentation menschlicher Grausamkeiten, bemängelt der Rezensent. Und doch hat sich Ross den naiven Glücksversprechungen dieses Romans gern hingegeben.
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