Arno Schmidt

Zettel's Traum

Bargfelder Ausgabe. Werkgruppe IV/1. Studienausgabe
Cover: Zettel's Traum
Suhrkamp Verlag, Berlin 2010
ISBN 9783518803004
Kartoniert, 1513 Seiten, 198,00 EUR

Klappentext

Vor 40 Jahren veröffentlichte Arno Schmidt sein wichtigstes Werk, "Zettel's Traum": 1334 DIN-A-3-Seiten stark, über zehn Kilogramm schwer und als Faksimile vervielfältigt. Schmidts eigene Befürchtung - "Es wird sich nicht mehr setzen lassen" - hatte sich bewahrheitet. Vor dem komplexen Layout des dreispaltigen Romans mit seinen zahlreichen Randglossen kapitulierten Setzerei und Verlag.
Nun endlich erscheint "Zettel's Traum", das Werk, das Arno Schmidt auf einen Schlag berühmt machte, als gesetztes Buch. Jahrelange Arbeit von Setzern, Editoren und Korrektoren war nötig, um einen lesefreundlichen Schriftsatz herzustellen, ohne den Charakter des "Überbuchs" (Arno Schmidt) zu verändern und seine Eigenheiten zu glätten.
Mit dieser Ausgabe gilt es, einen Riesenroman neu zu entdecken: Er erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem alternden Schriftsteller Daniel Pagenstecher und der sechzehnjährigen Franziska Jacobi und von Leben und Werk Edgar Allan Poes. Er entwirft eine eigene Literaturtheorie in der Nachfolge Sigmund Freuds und entwickelt wie nebenbei eine neue Rechtschreibung, die zum Beispiel die wahren Eigenschaften eines "Pleas'-see=Rocks" enthüllt. In "Zettel's Traum" finden Arno Schmidts Bemühungen um eine moderne Prosaform und eine angemessene sprachliche Abbildung des menschlichen Bewusstseins ihren vorläufigen Höhepunkt.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 03.01.2011

Arno Schmidts Hauptwerk "Zettel's Traum", das erstmals in einer gesetzten Ausgabe vorliegt, ist und bleibt für Helmut Böttiger ein "Mammutwerk". Er rekapituliert den Entstehungsprozess des Werks und verneigt sich dann tief vor der Leistung des Typografen Friedrich Forssman und der Herausgeberin Susanne Fischer, denen es zu verdanken ist, dass dieses Monument von einem Buch "klar strukturiert vor Augen liegt". Ausführlich geht der Rezensent auf den Zusammenhang von Literatur und Sexualität ein, den Schmidt mit Hilfe von Freud und Etym-Theorie minutiös am Beispiel Edgar Allen Poes enthüllt, über den sich die Protagonisten des Werks, der Schriftsteller Pagenstecher und ein befreundetes Ehepaar samt 16-jähriger Tochter, ausufernd und höchst gelehrt auszutauschen wissen. Dass es in "Zettel's Traum" von Mehrdeutigkeiten, Wortwitz, Anspielungen, Zitaten, Reminiszenzen an Poe, Joyce, Sterne, Carroll u.a. nur so wimmelt, wird dabei überdeutlich. Die sexuellen Anspielungen und Witze des Autors, die den sexuellen Druck der 60er Jahre widerspiegeln, zeigen für Böttiger aber auch, dass das Werk wesentlich "zeitverhafteter" ist, als sein "weltliterararischer Impetus" suggeriert. Doch scheint er diese Aussage gleich wieder relativieren zu wollen, wenn er darauf hinweist, dass Schmidt dies selbstverständlich mitreflektiert habe.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.12.2010

Friedhelm Rathjen erinnert an die Editionsgeschichte von Arno Schmidts Mammutwerk, die offenbar auch bei ihm selbst die Spuren eines Traumas hinterlassen hat. Drei Jahre lang hatte Schmidt an dem Buch gearbeitet, und Rathjen weiß sehr genau, wie bitter enttäuscht die Schmidt-Fans waren, als sie nach  langem Warten 298 Euro berappen mussten, und dies von heute auf morgen, denn die limitierte Auflage war schnell weggekauft. Bis heute gilt ihm Zettel's Traum" deshalb auch als das am wenigsten geliebte Werk unter Schmidt-Adepten. Rathjen hat tatsächlich grandiose Passagen gefunden, die zu den "einfallsreichsten, poetischsten und spielerischsten" in Schmidts Schaffen überhaupt gehören. Das Problem ist für den Rezensenten allerdings, dass er sich, um sie überhaupt zu verstehen, dafür durch die ganzen synthetisch-analytischen Ausführungen zu Edgar Allen Poe, Sigmund Freud, James Joyce und der berüchtigten Etym-Theorie kämpfen muss. Diese rekurriert, wenn wir das richtig verstanden haben, vor allem auf lautliche Ähnlichkeiten von Wörtern wie "earth" und arse" und ist als Wortkunst vor allem in die Jahre gekommenen und impotenten Männern vorbehalten. Oder so. Erwähnung findet bei Rathjen auch die Tatsache, dass der Typograf Friedrich Forssmann an dieser ersten gesetzten Ausgabe länger gearbeitet hat als Schmidt selbst an seinem Werk.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.12.2010

Entwarnung vom Rezensenten höchstpersönlich: Nein, dieses Buch müssen wir nicht lesen, nicht zur Gänze jedenfalls, eher so en passant, rät uns Manfred Koch, und dann uns hier oder dort festlesend, vorzugsweise da, wo Arno Schmidt nicht zwanghaft literaturtheoretische Enthüllungsarbeit leistet. Ah, fein. Dann müssen wir uns auch nicht sorgen um Schmidts Scheitern, Poe mit Freud zu lesen. Und mit dieser, erstmals gesetzten Ausgabe müssen wir auch nicht jeden Tippfehler des Autors mitlesen. Den Rezensenten freut das sehr. Eine editorische Meisterleistung, jubelt er, eine echte Erleichterung für alle Interessierten, die bislang (und zu Recht) fürchteten, das Buch in seiner authentischen Faksimile-Fassung würde sie erschlagen.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.11.2010

Auf angemessenen zwei Seiten widmet sich Stephan Wackwitz Arno Schmidts Riesenwerk "Zettel's Traum", das der Suhrkamp Verlag in einer sieben Kilo schweren Bargfelder Ausgabe vorgelegt hat. Wackwitz erinnert an die Entstehung des Werks, die vor allem für Alice Schmidt eine harte Zeit gewesen sein muss und regt an, es nicht in den "fußgängerischen Mittellagen" der deutschen Nachkriegsliteratur anzusiedeln, sondern in den Himalaya-Regionen "autistischer Monumentalkunstwerke" wie etwa Henry Dargers Lebenswerk. Beim Wiederlesen überkam den Rezensenten Bewunderung, die aber allmählich in Ekel überging und schließlich in den pervers-faszinierten Genuss, einer pathologischen Unternehmung bezuwohnen. Denn im Grunde, erkennt Wackwitz, habe Schmidt Freud eklatant missverstanden: So unraffiniert, fantasielos und espritarm wie bei Schmidts oversexed Helden Daniel Pagenstecher kann kein Unterbewusstsein sein! Und so wird dem Rezensenten immer deutlicher, dass er es hier nicht nur mit großer Kunst zu tun hat, sondern auch mit einer "kompliziert ausgearbeitete Dachschaden".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2010

Vor vierzig Jahren ist dieser turmhoch dem Umfang nach jedenfalls aus der deutschen Nachkriegsliteratur ragende Klassiker erstmals erschienen, und zwar ziemlich genau so, wie Arno Schmidt ihn schuf: Als Faksimile des Originals mit allen Ausbesserungen, Überschreibungen, Einklebungen etc. pp. Zum nunmehrigen Abschluss der sogenannten Bargfelder Ausgabe des Schmidtschen Werks gibt es das Monsterwerk (1500 Seiten mit drei nebeneinander herlaufenden Textspalten) nun erstmals gesetzt. Schwierig daran ist, meint der Rezensent Tilman Spreckelsen, nicht die Handlung um den Besuch eines Ehepaars mit dazugehöriger Tochter beim eremitischen Autor Dän Pagenstecher. Kompliziert wird es viel eher en detail, weil nicht nur jede Menge Edgar Allan Poe und des Verfassers eigenwillige Etym-Theorie abgehandelt wird, sondern auch noch mancherlei Erotisches vorgehen muss. Das ist zwar, das will Tilman Spreckelsen gar nicht leugnen, schon Literatur für Fortgeschrittene, aber doch - schon gar in "dieser editorischen und typografischen Meisterleistung" - ein monströses Werk, das den Schweiß der Edlen wert ist.
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