Antonio Lobo Antunes

Elefantengedächtnis

Roman
Cover: Elefantengedächtnis
Luchterhand Literaturverlag, München 2004
ISBN 9783630871776
Gebunden, 208 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Portugiesischen von Maralde Meyer-Minnemann. Wut und Hass, ätzende Kritik, boshafte Ausbrüche ins Phantastische, Skurrile und Komische - in Lobo Antunes' Erstling spricht einer, der sich an der Welt reiben muss, um nicht an ihr zugrunde zu gehen. Und in nuce enthält dieser autobiografische Roman, dessen Titel auf die Mutter des Autors zurückgeht - Er hat ein Elefantengedächtnis , sagt sie oft über den Sohn -, sämtliche Themen und sprachlichen Techniken des späteren weltweit gefeierten Literaten.
Erzählt wird ein Tag im Leben eines Psychiaters in Lissabon und wie er versucht, die verschiedenen Dämonen, die ihn heimsuchen, auszutreiben. Als da sind: die Arbeit in der Irrenanstalt Miguel Bombarda; die Erinnerungen an die Familie, ein Paradebeispiel der portugiesischen Bourgeoisie samt ihrem zuckersüßen und gleichzeitig repressiven Katholizismus; die Ehe und der klägliche Versuch, die Trennung aufzuarbeiten; die Erfahrung im Krieg in Angola. Am Ende des Tages der Dämonen wird klar, dass es für diesen Mann nur einen Weg geben kann, den Kontakt mit der Welt zu halten: das Schreiben - weil es für ihn gleichbedeutend ist mit der Fähigkeit, am Leben zu sein.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.01.2005

Friedhelm Rathjen sieht das gewaltige Potential, das sich allerdings noch nicht entfalten durfte: Antonio Lobo Antunes' neu aufgelegter erster Roman hat seiner Meinung nach schon diese typische sprachliche Wucht, doch sie schlägt gegen die Dämme des Erzählens in der dritten Person. "Wir erleben einen Tag im verkorksten Leben eines Psychiaters", der sich über seine miserable Existenz und das Leben überhaupt auslässt. Dass er in einem Irrenhaus arbeitet, ist Rathjen zufolge eine "Großmetapher jener Welt, an der er leidet". Was man liest, spielt sich in seinem Kopf ab: Bilder, Metaphern, Gedanken, Ängste - wirres Zeug. "Die Sätze sind lang und ausladend, viele zerdehnen sich durch Partizipialkonstruktionen und schaffen eine Art Gleichzeitigkeitsprosa, wie sie außer Antonio Lobo Antunes niemand schreibt." Doch die radikale innere Perpektive hatte nach Ansicht des Rezensenten noch nicht die einzige Form gefunden, die ihr angemessen ist: den konsequenten inneren Monolog. Wozu ein externer Erzähler? Im zweiten Buch war es dann soweit.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 20.01.2005

Rezensent Kersten Knipp freut sich, dass der erste Roman von Antonio Lobo Antunes nun endlich auf Deutsch vorliegt. Darin schickt der Autor seinen Protagonisten, einen Psychiater, nach Angola, um dort die Einheit des Kolonialreiches zu verteidigen. Ein "hoffnungslos uninteressanter Fall" wäre dieser "sanfte" Protagonist allenfalls, hätte er nicht das "afrikanische Labyrinth" durchschritten, meint der Rezensent. Lobo Antunes macht aus dem Stoff eine Geschichte, wie sie typisch sei für die siebziger Jahre, in denen das Original geschrieben wurde: "Sprachfetzen der politischen Psychiatrie" schwingen in des Autors Phrasen ebenso mit wie die Vorstellung vom Wahnsinnigen als "seelisch befreiten Menschen". Wenngleich diese Ideen heute nach Ansicht des Kritikers nicht mehr "so entschieden" gesehen würden, könne man das Buch allein deswegen als "Kunstwerk" bezeichnen, weil Lobo Antunes überflüssige "Topoi und Stereotype" größtenteils vermeidet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 06.12.2004

Hans-Peter Kunisch freut sich, dass mit "Elefantengedächtnis" nun auch der  Debütroman Antonio Lobo Antunes' von 1979 in deutscher Übersetzung vorliegt. In diesem Roman, der 24 Stunden eines mit "deutlich autobiografischen Zügen" ausgestatteten Ich-Erzählers und Psychiaters, eines "Pechvogel" und Melancholikers, erzählt, zeigt sich der portugiesische Autor bereits als Meister "ausufernder Vergleiche und Metaphern", schreibt der Rezensent. Und so sieht er zwar vor allem den Überdruss, den der Protagonist gegenüber der Institution der Psychiatrie hegt, eng an den "antipsychiatrischen Trend der Zeit" gelehnt, doch enthält der Roman seiner Ansicht nach schon alles, was Antunes später "berühmt gemacht" hat. Kunisch bemerkt beeindruckt, wie eng in diesem Erstling die "Sprachkunst" des Autors noch "bis an die Grenzen der Sentimentalität" mit dem "Willen zur Wahrhaftigkeit" verknüpft ist, auch wenn er stilistisch mitunter "holpriger" daher kommt, als seine späteren Romane, wie der Rezensent einräumt. Alles in allem aber ein beeindruckendes Debüt, das durch Maralde Meyer-Minnemann "ausgezeichnet" übersetzt worden ist, freut sich Kunisch.
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