Antje Ravic Strubel

Tupolew 134

Roman
Cover: Tupolew 134
C. H. Beck Verlag, München 2004
ISBN 9783406521836
Gebunden, 317 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

In ihrem neuen Roman erzählt Antje Ravic Strubel von einer Flugzeugentführung und der schwierigen, vielleicht vergeblichen Suche nach der Wahrheit. Dabei hat sie sich von einer realen Geschichte inspirieren lassen: 1978 wurde eine Tupolew 134 von zwei Bürgern aus der DDR auf dem Flug Danzig-Schönefeld nach West-Berlin entführt. Die Entführung war nicht geplant, sie war eine Art Übersprunghandlung zweier bei ihrer Republikflucht verratener Menschen. Antje Ravic Strubel erzählt eine eigene Geschichte über Flucht, Verrat und Illegalität, über die politischen Konsequenzen dieser Tat, über den Wunsch, das alte Leben hinter sich zu lassen, und vom Unvermögen, vorgeprägten Lebensmustern zu entkommen, über Sehnsucht und die Vergeblichkeit von Liebe außerhalb der Konvention.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 19.04.2005

Dieses Buch ist für Sibylle Birrer der Beweis, dass mit Antje Ravic Strubel künftig zu rechnen ist. Schlichtweg beeindruckt ist die Rezensentin, wie präzise und poetisch zugleich die junge Autorin hier "ein Stück noch unverheilter deutsche Zeitgeschichte" erzählt. Der Roman fußt auf der realen Begebenheit einer Ostflucht: Ein Paar aus der DDR entführt eine polnische Linienmaschine auf dem Weg von Danzig nach Ost-Berlin und zwingen sie zur Landung in Westen. Zwar wird ihnen wegen der Entführung der Prozess gemacht, aber natürlich werden sie als Ostflüchtlinge freigesprochen. Freudig registriert Birrer, dass es Antje Ravic Strubel nicht dabei belässt, eine "politische Tragikomödie" zu erzählen, sondern Porträts entwirft, die Birrer "in ihrer Sensibiliät und Lebenswärme" sehr beeindruckt haben.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 20.11.2004

Antje Ravic Strubel hat das Element gewechselt, so die Rezensentin Susanne Messmer: Nach dem Eis ist es jetzt der Sand, der alles zum Erlahmen bringt. Der Rezensentin scheint es, als schleiche er sich in alle Ecken und Getriebe und als mache er auch vor dem Leser nicht Halt: Sein Blick trübt sich in einer für Ravic Strubel typischen und ihr ganz eigenen Manier - dem "Milchglaseffekt, der ihre Figuren interessant verschwommen macht". Darin liegt für die Rezensentin die große Stärke von "Tupolew 134". Denn zwar greift die Autorin in ihrem ersten Rechercheroman ein reales Ereignis aus den siebziger Jahren auf - die Entführung eines polnischen Flugzeugs durch zwei DDR-Bürger, die sich in den Westen absetzen wollten -, doch sie fühlt sich nicht der Historie verpflichtet und vermeidet Identifikation zugunsten einer Annäherung an ihr wirkliches Sujet: "die unbekannte DDR". Doch an eben dieser Behutsamkeit scheitert der Roman in den Augen der Rezensentin, denn Ravic Strubels gewohnter Respekt vor ihren Figuren ist diesmal in Distanz ausgeartet und macht das Schönste am Lesen unmöglich: in fremdes Leben einzutauchen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.10.2004

Es ist nicht die Konstruktion der Ungewissheit, die Christoph Bartmann zum hohen Lob greifen lässt. Der Glaube, man könne die sogenannte Wirklichkeit sprachlich - oder auch, ein wichtiger Bestandteil der Handlung: juristisch - wiedergeben, wurde ja nicht erst kürzlich in Frage gestellt. Der historische Fall der Flugzeugentführung als Republikflucht wurde damals nicht richtig aufgeklärt, und das wird auch in Strubels Roman nicht nachgeholt - nichts liegt der Autorin ferner, als aus alten Fakten ein rundes Stück zu komponieren. Stattdessen wechselt sie munter zwischen den Zeitebenen, frustriert den Wunsch nach abschließender Erkenntnis. Dennoch: "Bei allem Bemühen, dem landläufigen Realismus ein Schnippchen zu schlagen, liegen die Stärken des Romans eben hier: in einem klugen, souveränen, seiner Mittel bewussten Realismus, der entfernte Dinge, Orte und Menschen auf bestechende Weise zu vergegenwärtigen versteht." Diese Dinge, Orte und Menschen befinden sich in der DDR, in den siebziger und achtziger Jahren, und sie werden in Strubels zurückhaltender, genauer Sprache lebendig, mehr noch, so der Rezensent: Sie werden zu Erfahrungen, die neu sind. Leseerfahrungen.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.10.2004

Großes Entzücken bei Ina Hartwig. Höchste Zeit, findet sie, dass endlich ALLE merken, was für ein Talent hier am Werk ist. Antje Ravic Strubel erzählt in ihrem Roman von einem Ingenieur aus dem Westen in der DDR, einer Frau und einem Mann, die weg wollen, eine uralte Schreckschusspistole, eine Flugzeugentführung, eine Republikflucht, eine Farce von einem Prozess - der Fall ist authentisch, doch für die literarische Qualität steht allein die Autorin, die "das historische Gerüst mit psychologischer Fantasie und einer wundersam spröden Sprachmelodie umkleidet". Und da fängt das Loblied erst an! Denn, so Hartwig weiter, Strubel rekonstruiert DDR-Alltag mit seltener Genauigkeit, verfügt über ein solch "perfektes inneres Timing", dass sie auch die kompliziertesten Konstruktionen meistert (vier Zeitebenen plus verschiedene Perspektiven - "kaum zu fassen", wie sie das macht!), entfacht darüber hinaus eine "irrwitzige Spannung" und entwirft großartige Figuren, in deren Inneres sie eindringt, ohne es nach außen zu kehren. Spannungen, auch erotische, zwischen Ost und West waren ja bisher schon ihr Thema, doch hier begebe sich Antje Ravic Strubel "ins Abgründige, Mörderische der DDR". Aber auch in die "innere Leere inmitten der Wohlstandsfülle" des Westens. Und bei alldem verliere keine der Figuren ihr Geheimnis. Die Unsicherheit wird zum poetischen Prinzip. Nur eines steht für die Rezensentin fest: Das hier ist ein großartiger Roman.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.09.2004

Antje Ravic Strubels Roman nimmt einen historisch verbürgten Fall von Flugzeugentführung zum Ausgangspunkt, erklärt Ulrich Greiner in seiner Rezension von "Tupolew 134". 1978 hatte ein Paar aus der DDR auf dem Flug von Danzig nach Ost-Berlin eine Stewardess zur Geisel genommen und den Piloten gezwungen, in Tempelhof zu landen, so der Rezensent weiter. Diesen Fall nimmt die Autorin zum Anlass einer "skrupulösen literarischen Recherche", bei der sie die verschiedenen Schichten der gemischten Gefühlslage ihrer Protagonisten aufdeckt, ohne sich dabei als allwissender zu gerieren als die Figuren selbst, lobt Greiner. Ein bisschen Mühe hat er mit der Erzählweise Strubels, die die verschiedenen "Darstellungsebenen" mit Angaben wie "unten", "oben" oder "ganz unten" versieht und damit seiner Ansicht nach "ungut auf die Arbeitsweise" der Erzählerin verweist und mitunter auch "unangenehm belehrend" wirkt, wie er moniert. Trotzdem ist das Ganze "subtil" gemacht, wenn es auch mitunter etwas "überkomplex" wirkt, so Greiner zwiespältig. Insgesamt aber zeigt er sich von der "eigenwillig erzählten Geschichte" durchaus eingenommen. Ihm hat der Roman ein durchaus "komplexes Bild vom untergegangenen Kontinent DDR" vermittelt. Es gelingt der Autorin, einen einfühlsamen Blick auf das "Rätselwesen Mensch" zu werfen und damit geht sie über die bloße Schilderung einer historischen Flucht "weit hinaus", lobt der Rezensent.