Annemarie Pieper

Glückssache

Die Kunst, gut zu leben
Cover: Glückssache
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2001
ISBN 9783455112863
Gebunden, 315 Seiten, 20,40 EUR

Klappentext

Annemarie Pieper fragt nach den Entwürfen des guten Lebens, die seit der Antike entwickelt wurden, und nach der Rolle, die das Glück in diesen spielt. So entsteht eine kleine Philosophie- und Kulturgeschichte des Glücks, die anhand von ausgewählten Texten und vielen anschaulichen Beispielen vom sinnlichen, vom kalkulierten, vom strategisch herstellbaren, vom eudämonistischen, vom leidenschaftslosen und vom kontemplativen Glück erzählt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 05.07.2001

Der lange Atem des Ludger Lütkehaus: Da entwirft der Rezensent mal eben einen prophetischen Traum des Sokrates "nach einem besonders üppigen Gelage" und lässt den Meister darin über die "gegenwärtige Glücksinflation" und gleich vier Arbeiten zum Thema zu Wort kommen: "Die Kunst zu leben" von Alexander Nehamas (Rotbuch), Annemarie Piepers "Glückssache" (Hoffmann und Campe), Alain de Bottons "Trost der Philosophie" (S. Fischer Verlag) und "Verdammt zu Glück" von Pascal Bruckner und erschienen bei Aufbau.
1) Alexander Nehamas: "Die Kunst zu leben"
"'Alle Achtung!', dachte Sokrates", denkt Lütkehaus: Der hier ist mit allen Wassern gewaschen, der Autor hier. Ist mir (Sokrates) am Ende ebenbürtig? Wenn er auch mit sich selber spricht ("er zitierte immerhin etliche 'Stimmen', die anscheinend in den inzwischen verflossenen zweieinhalbtausend Jahren mit ihm diskutiert hatten, einen 'Montaigne', einen 'Nietzsche', einen 'Foucault'"), er trifft doch ins Schwarze. Spricht über mich und dann ewig über "diesen Musterschüler Platon". Die Philosophiegeschichte - nur ein paar Fußnoten zu mir bzw. zu ihm, Platon? Also das ist Ironie. Sprach Sokrates, sprach Lütkehaus.
2) Annemarie Pieper: "Glückssache"
Gründliche Arbeit, denkt Sokrates-Lütkehaus über dieses Buch. Weniger ironisch, dafür umso solider hat die Autorin gearbeitet, "Schritt für Schritt, im Gänsemarsch der Begriffe, handelte sie Lebens- und Glücksformen ab": Ästhetische Lebensform: sinnliches Glück, religiöse Lebensform: kontemplatives Glück usw. - Zuordnungen allerdings, die Sokrates nicht immer glücklich machten, "zumal er die philosophische Lebensform schmerzlich vermisste." Und das Resultat? Doch eher blass. "Und Sokrates fühlte sich nur an Wissen reicher, im Übrigen so lebensklug als wie zuvor."
3) Alain de Botton: "Trost der Philosophie"
Bei diesem Autor ist es Sokrates wohl. Erstaunlich klug, der Junge ("Man sollte ihn mal nach Athen einladen!"), und witzig (hat begriffen, "dass man bei diesem Thema gut daran tat, selber etwas zu den 'Glückssachen' beizutragen"). Fragt nach dem Gebrauchswert all der Montaigne, Nietzsche, Epikur etc. für den Trost der Philosophie bei Unbeliebtheit, Geldmangel, Frustration. Allerdings, das denken wieder beide - Sokrates und Lütkehaus -: Manchmal doch "allzu salopp", was der Autor da zum Besten gibt, Dinge, "die offenbar äußerst nachlässig absolvierten Bibliotheksaufenthalten zu danken waren."
4) Pascal Bruckner: "Verdammt zum Glück"
Die eigentliche Entdeckung im Sokratischen Traum, meint Lütkehaus, ist dieses Buch. Der Autor verstehe es mal heiter, mal sarkastisch, fast immer buchstäblich treffend zu formulieren, "so wie Sokrates es selten gehört hatte". Er war unterhaltsam, mit diversen Impromptus zu Alltagsthemen, und schüttete seinen ganzen Hohn aus über die "gegenwärtige Glücksinflation". Eine "paradoxe frohe-unfrohe Botschaft", der selbst der Meister in der Hauptsache nicht widersprechen konnte.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 29.06.2001

Hannelore Schlaffer bespricht zwei Neuerscheinungen, die sich eines immer aktuellen Themas annehmen, dem Glück, die ihr beide aber zu sehr ins moralische Fahrwasser geraten sind.
1) Pascal Bruckner: "Verdammt zum Glück. Der Fluch der Moderne"
Wer über Glück spricht oder schreibt, "maßt sich die Rolle des Weisen an", schreibt Hannelore Schlaffer und hat für diese Anmaßung des französischen Philosophen Pascal Bruckner wenig Sympathie. Sein moralisches Traktat über die auf puren Materialismus ausgerichtete Glückssuche der Menschen heutzutage, die das Unglück aus ihrem Wort- und Erfahrungsschatz verbannt haben, atmet für Schlaffer das Flair eines Caféhauses, in dem ein auf Lebenshilfe hoffendes Publikum sitzt. Zwar gebe sich Bruckner kritisch, schreibt Schlaffer, aber jede Klage dämpfe er durch eine Gegenklage, jede Kritik hebele er durch Gegenkritik aus - ein Autor, der es allen recht machen will, lautet ihr böses Urteil. Für die Praxis interessiere sich Bruckner gar nicht, so dass auch neuere soziologische Untersuchungen über das Zusammenspiel von materiellem Wohlstand und psychischen Wohlbefindens leider ausgespart blieben.
2) Annemarie Pieper: "Glückssache. Die Kunst, gut zu leben"
Die Baseler Philosophin Annemarie Pieper nähert sich dem Thema recht wissenschaftlich und liefert zunächst mal eine kleine Geschichte der Glücksphilosophie von der Antike bis heute ab, die vor den Augen der Rezensentin stand hält. Allerdings erwähnt sie geschichtliche Lücken, ohne diese näher zu präzisieren, und ereifert sich über die "missgeleitete" Kritik der Negativvisionen Aldous Huxleys und Jewgenij Samjatins. Im Fortlauf der philosophischen Abhandlung geraten der Autorin leider dann doch "philosophische Geschichtsschreibung und moralische Unterweisung" durcheinander, bemängelt Schlaffer. Auch bei Pieper erhebe sich schließlich der mahnende Zeigefinger des Weisheitslehrers, der die ethische Lebensform als glückbringenden Triumph über die leibliche Existenz verheißt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.05.2001

In einer Mehrfachbesprechung rezensiert Michael Schefczyk philosophische Bücher, die sich mit Glück und Trost beschäftigen.
1.) Alain de Botton: "Trost der Philosophie" (S. Fischer)
Der Rezensent hält sich hier mit einer dezidierten Wertung eher zurück, sondern erzählt vor allem, an welchen Themen der Autor den Trost in der Philosophie untersucht. So sei Botton etwa bei der Betrachtung von Jacques-Louis Davids Bild 'Tod des Sokrates' aufgefallen, dass ein gewisser Trost darin liegt, dass auch ein so großer Mann wie Sokrates "unbeliebt sein kann". Oder wenn Botton auf Epikurs Vorstellung von Glück (Freundschaft, Freiheit, Besinnung) eingeht. Neuigkeiten erfährt man in diesem Buch nicht, findet Schefczyk, dafür jedoch "Eindringlichkeit". Ihm gefällt offenbar das Spielerische Bottons und die gute Lesbarkeit, die auch in der "ausgesprochen gut lesbaren" Übersetzung von Silvia Morawetz erhalten bleibe. Und obwohl Botton Schweizer ist, so hat er sich nach Ansicht des Rezensenten einen sehr britischen Stil angeeignet, etwa die "Kunst, ohne Plumpheit persönlich zu werden".
2.) Annemarie Pieper: "Glückssache. Die Kunst gut zu leben" (Hoffmann und Campe)
Im Vergleich zu Bottons Buch findet Schefczyk Annemarie Pipers "Glückssache" etwas "unpersönlich" und sehr viel anspruchsvoller, als sein Titel möglicherweise vermuten lässt. Der Rezensent diagnostiziert hier typische Stärken und Schwächen einer akademischen Studie: So findet er es zwar "materialreicher, differenzierter, schwieriger als Bottons Text - aber letztlich bleibt alles ein wenig unverbindlich". Abschließend weist der Rezensent noch auf zwei Bände zu ähnlichen Themen hin: Alexander Nehamas "Die Kunst zu leben" (Rotbuch-Rationen), das er ebenfalls zum "härteren Schrot" rechnet. Und Pascal Bruckners "Verdammt zum Glück" (Aufbau-Verlag), der sich mit dem "Glückszwang" beschäftigt, der über uns alle verhängt sei.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.04.2001

Ralf Grötker findet Annemarie Piepers philosophische Abhandlung über das Glück in ihrer Gesamtheit ziemlich misslungen. Die eigentliche Fragestellung ist nicht klar genug formuliert, das Thema einfach zu wenig eingegrenzt. So zerfasert sich die Abhandlung für Grütker ins Uferlose: "Wie der süße Brei im Märchen beginnt sich nämlich die Materie rasch und unterhaltsam in alle Richtungen auszubreiten", und am Ende wird eine diffuse Geschichte der Philosophie draus. Lediglich zwei Kapitel arbeiten sich tatsächlich an Theorien zum Glück ab, das erste und das letzte nämlich, bemängelt der Rezensent und bemerkt: "unterwegs [hat die Autorin] aller Ehrgeiz verlassen". Aber Grötker vermisst nicht nur inhaltliche Stringenz, auch findet er in dem Band keine überraschenden Einsichten und kritisiert an verschiedener Stelle die "schlichten" Schlussfolgerungen der Autorin.