Anja Kampmann
Die Wut ist ein heller Stern
Roman

Carl Hanser Verlag, München 2025
ISBN 9783446281202
Gebunden, 496 Seiten, 28,00 EUR
ISBN 9783446281202
Gebunden, 496 Seiten, 28,00 EUR
Klappentext
Hedda hat sich ihren Traum erkämpft: Artistin im "Alkazar" auf der Reeperbahn. Doch nichts zählt mehr, als in den dreißiger Jahren die neuen Uniformen wie selbstverständlich im Publikum auftauchen. Die Freiräume werden enger und auch für die Mädchen im Varieté wird es gefährlich. Wem kann Hedda noch trauen? Ihr Bruder Jaan heuert als Harpunenschmied auf einem Walfänger an, für eine Fahrt in die Antarktis. Und auch Hedda sucht für sich und ihren kleinen Bruder Pauli nach Auswegen.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 20.12.2025
Rezensentin Christine Schneider liest Anja Kampmanns Roman über die frühen Jahre des nationalsozialistischen Deutschland aus Sicht einer Akrobatin wie einen Gegenwartsroman, so nah scheinen ihr die existenzielle Unsicherheit der Figuren, Tänzerinnen, Prostituierten, und Musiker rund um ein Variété auf der Reeperbahn sowie die sinnliche Atmosphäre im Buch und die "leicht überhöhte" unsentimentale Sprache. Das Gefühl der Aussichtslosigkeit und Unbeweglichkeit der Hauptfigur kommt Schneider bekannt vor, vielleicht auch aus "Babylon Berlin". Ein "klassischer historischer Roman" ist das jedenfalls nicht, meint Schneider durchaus beglückt.
Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2025
Anja Kampmanns Protagonistin Hedda Möller erinnert den Rezensenten Peter Neumann etwas an Babylon Berlin, nur dass sie im Hamburger und nicht im Berliner Nachtleben unterwegs ist. Sie ist Tänzerin in einem Varieté auf St. Pauli: Dort hat sie im Laufe der Zeit immer mehr Nazis zu tun hat, ihr Geliebter kommt ins KZ und ihr Bruder macht sich nach Görings Plan auf den Weg in die Antarktis - das Unglück der Nazizeit hält Einzug in die Vergnügungslokale, so der Kritiker. Neumann lobt das unruhige Erzählen Kampmanns in "einer großen Wellenbewegung", das die verschiedenen unguten Strömungen verdeutlicht, die die die 1930er Jahren prägen. Mit atmosphärischem Reichtum hat sie einen Roman geschrieben, der keine Bezüge zur Jetztzeit braucht, um zu glänzen, versichert er.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 20.09.2025
Rezensent Nico Bleutge liest mit Anja Kampmanns Roman das Leben einer Varietétänzerin in den frühen Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft: Hedda, die Ich-Erzählerin, heuert Anfang der dreißiger Jahre im "Alkazar" auf St. Pauli an, schnell erlebt sie mit, wie die Nazis die ganze Struktur des Viertels umkrempeln, Kommunisten ins KZ verbringen und immer diktatorischer regieren. Bleutge lobt die Idee Kampmanns, in ihrem Buch eine Randfigur in Szene zu setzen und beobachten zu lassen, auch wenn ihn die Dominanz von "Licht- und Euphoriemetaphorik" ein wenig nervt. Der Roman ist ihm zufolge atmosphärisch reich erzählt und greift von Euthanasie bis NS-Wirtschaft viele Themen auf und schafft es, diese auch ausgewogen zu behandelt, lobt der Kritiker abschließend.
Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 13.09.2025
Rezensent Helmut Böttiger ist bezaubert von Anja Kampmanns Roman, der ganz ungewohnt von der Zeit 1933-1937 erzählt: nämlich weniger in bewährter historisierender Romanform als in poetischen Fragmenten, die um das Leben einer Tänzerin (Hedda) im Hamburger Hafen kreisen, aber auch um viele andere tolle Figuren, um die sich "die Schlinge" immer enger zieht, fasst Böttiger zusammen. Er staunt, wie psychologisch differenziert dabei sämtliche Figuren ausfallen, wie Kampmann von Heddas Hineinrutschen in die "Parallelwelt" der Tanz- und Erotikbar "Alkazar" und in ein proletarisch geprägtes Milieu erzählt, das zunächst noch unzerstörbar wirkt; auch von ihrer Abhängigkeit von Männern, die sie verschiedentlich in ihrer "Obhut" haben. Das sei alles schon spannend und "flirrend", aber das eigentliche Ereignis sei die Erzählform: Bestechend kombiniere die Autorin historische "Schlaglichter" im Präsens mit Passagen "szenischer Poesie", mit evokativen Augenblicken und Figurenempfindungen, schwärmt der Autor. Und trotzdem büße das Buch nichts an historisch-politischer (und auch: gegenwartsbezogener) Brisanz ein, sei gleichermaßen spektakulär wie feingliedrig. Für den Kritiker große Literatur.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 23.08.2025
Rezensent Helmut Böttiger zeigt sich beeindruckt von der "riskanten, poetischen Weise", mit der Anja Kampmann einen der für ihn herausragendsten Romane des Jahres geschrieben hat: Es geht um Hedda, die zwischen 1933 und 1937 als Tänzerin im Varieté arbeitet. Sie kommt aus kleinsten Verhältnissen, erfahren wir, nun stoßen im "Alkazar", wo sie arbeitet, kommunistische Arbeitervereine und die nationalsozialistische Macht aufeinander, eindrucksvoll schildert die Autorin, wie sich die Atmosphäre zusehends verdüstert. Die eindringlichen Schilderungen müssen gar keine Vergleiche zur Jetzt-Zeit aufmachen, um hochaktuell zu sein, wie Böttiger überzeugt versichert.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.08.2025
Rezensent Paul Jandl ist ziemlich begeistert von Anja Kampmanns neuem Roman. Der spielt auf der Reeperbahn und zeigt, wie der Amüsierbetrieb während des Nationalsozialismus einer grundlegenden Transformation unterworfen wird. Manche der Figuren haben laut Jandl reale Vorbilder und auch das Nachtlokal "Alkazar", das im Zentrum steht, hat es wirklich gegeben - ab 1935 hieß es, der neuen Zeit angepasst, "Allotria", auch die Attraktionen wurden arisiert. Erzählerin ist Hedda, die in dem Lokal als Sängerin und Artistin auftritt, außerdem treten Heddas behinderte Tochter auf, die ihr Scherereien mit den Nazis einbringt sowie Arthur, der Besitzer des "Alkazar", der bald unter die Räder kommt und ein Witwer, der von Hedda bestohlen wird. Besonders angetan ist der Rezensent davon, wie der Nationalsozialismus hier als eine Geschichte des Körpers erzählt wird, etwa, wenn beschrieben wird, wie Heddas Gebärmutter auf behördliche Anordnung hin entfernt wird. Sozialkritisch, kulturanalytisch und dann auch noch ausgesprochen musikalisch geschrieben - ein wunderbares Buch, findet Jandl, der sich wundert, warum es nicht auf der Longlist des Deutschen Buchpreises zu finden ist.
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