Aus dem Amerikanischen von Michael Adrian. Andrew Abbott unterzieht Texte von Karl Marx und Max Weber einer kritischen Re-Lektüre. Marx sieht die Gegenwart, so Abbotts Lesart, nur durch Kräfte der Vergangenheit bestimmt. Wollen wir die Gegenwart verstehen, brauchen wir jedoch beides. Vergangenes und Zukünftiges ist im konkreten Handeln miteinander verwoben. Weber hingegen begreife Wissenschaft als vergangenheitsorientiert und Politik als zukunftsbezogen, trenne beides jedoch zu sehr voneinander. Abbott spricht dagegen von "dichten Gegenwarten", in denen sich Vergangenheiten und Zukunftsentwürfe verknüpfen. Sie können gleichsam historisch erklärt werden (Wissenschaft) und bilden die Basis für schöpferische Gestaltungen (Politik). Die viel gerühmte und ebenso umstrittene Werturteilsfreiheit der Sozialwissenschaften ist in dieser Perspektive ein Mythos.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.03.2020
Rezensent Alexander Gallus attestiert diesen beiden Vorträge von Andrew Abott, die der Chicagoer Sozialtheoretiker 2018 in Berlin und Göttingen hielt und die das Hamburger Institut für Sozialforschung nun herausgegeben hat, eine eigenwillige Faszination. Der Untertitel "Reflexionen über Marx und Weber" ist nicht ganz ernst zu nehmen, warnt der Kritiker vor: Abbott bekenne selbst, auf beiden Gebieten kein Experte zu sein. Statt um eine textgebundene Neuinterpretation von Marx' Thesen gehe es dem Autor um "Kritik am vergangenheitsgebundenen Historizismus", schreibt der Rezensent, dem hier auch Marshall, Strauss, Popper und Hobbes begegnen. Abbotts kaum verständliche Ausführungen und Thesen zum "prozessualen Paradigma" nennt der Rezensent unkonventionell und hält sie vielleicht nicht unbedingt für brauchbar in der Geschichtswissenschaft, aber allemal für "sympathisch".
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