Ein amüsanter Streifzug durch die Literaturgeschichte, der zeigt: Romanfiguren sind auch nur Menschen, und jeder gute Held hat eine Macke. Claudia Hochbrunn, Fachärztin für Psychiatrie, und Literaturwissenschaftlerin Andrea Bottlinger fragen: Hätte eine Erziehungsberatung Ödipus' Eltern vor dem Schlimmsten bewahren können? Wäre Romeo und Julias Geschichte anders verlaufen, wenn sie keine pubertierenden Teenager gewesen wären? Und kompensiert in "Fifty Shades of Grey" Christian nicht seine fehlende Männlichkeit mit erotischen Fantasien? Was wäre eigentlich gewesen, wenn unsere Helden rechtzeitig einen Psychiater aufgesucht hätten? Ihr Fazit: Dann gäbe es kaum gute Geschichten! Ein überraschender Blick auf die Literatur durch die Brille der Psychologie.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 03.01.2020
Rezensent Wolfgang Schneider hat Probleme mit der Psychoanalyse literarischer Figuren. Bei diesem Buch der Psychiaterin Claudia Hochbrunn und der Autorin Andrea Bottlinger macht der Kritiker allerdings eine Ausnahme: Angenehm "unkonventionell" und wenig theorielastig erklären ihm die Autorinnen, an welcher Form der Depression Goethes "Werther" litt, wie "psychopathisch" Scarlett O'Hara war und wie desaströs die Kommunikation in Sophokles' "König Ödipus" - der laut Hochbrunn und Bottlinger gar keinen Ödipus-Komplex hatte - ablief. Vorbildlich verlaufe Konfliktlösung und Umgang miteinander hingegen in den Werken von Karl May oder in der "Twilight-Saga" von Stephenie Meyer, lernt der überraschte Rezensent. Natürlich, stellt er klar, gebe es ohne psychologische Macken und Konflikte überhaupt keine Literatur. Weshalb er während der Lektüre mit starken Vorbehalten zu kämpfen hat. Aber dann amüsiert ihn das Buch doch zu sehr.
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