Amartya Sen

Die Idee der Gerechtigkeit

Cover: Die Idee der Gerechtigkeit
C. H. Beck Verlag, München 2010
ISBN 9783406606533
Gebunden, 493 Seiten, 29,95 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Christa Krüger. Drei Kinder streiten darüber, wem von ihnen eine Flöte gehören sollte. Das erste Kind hat Musikunterricht gehabt und kann als einziges Flöte spielen. Das zweite ist arm und besitzt keinerlei anderes Spielzeug. Das dritte Kind hat die Flöte mit viel Ausdauer selbst angefertigt.
Mit diesem Gleichnis eröffnet Amartya Sen, einer der wichtigsten Denker unserer Zeit, sein Buch über die Idee der Gerechtigkeit. Es ist John Rawls gewidmet und grenzt sich doch von der wirkungsmächtigsten Gerechtigkeitstheorie des 20. Jahrhunderts ab. Wer eine weitere abstrakte Diskussion der institutionellen Grundlagen einer gerechten Gesellschaft erwartet, der wird enttäuscht sein. Wer sich hingegen darüber wundert, was diese Theorien eigentlich zur Bekämpfung real existierender Ungerechtigkeiten beitragen, der wird großen Gewinn daraus ziehen. Sen nämlich stellt die Plausibilität solcher Anstrengungen der reinen Vernunft in Frage. Seine Theorie der Gerechtigkeit ist weniger an der Ausformulierung einer ethisch perfekten Gesellschaft interessiert als an Argumenten, deren Maßstab die konkrete Überwindung von Ungerechtigkeit ist.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 29.01.2011

Nach wie vor kommt man, stellt Rezensent Wilhelm Vossenkuhl fest, um John Rawls bei der Grundsatzfrage nach der Gerechtigkeit nicht herum. Das gilt auch für Amartya Sen, der zwar dem für seine Begriffe viel zu "transzendental? angelegten Vertragsmodell bei Rawls recht entschieden widerspricht, dies aber eben doch nur im Bezug auf Rawls tun kann. Leider sind Sens Versuche, die abstrakte Theorie durch einen empirisch gesättigten Kasualismus zu ersetzen, nach Ansicht des Rezensenten Wilhelm Vossenkuhl nicht wirklich überzeugend. Gerade der "Wirklichkeitsbezug?, den Sen wiederholt fordert, könne er in diesem Band, in dem viel Gelehrsamkeit drinstecke, selbst nicht leisten. Deshalb ist der Rezensent insgesamt von dem Buch eher enttäuscht und empfiehlt eher Martha Nussbaums in derselben Kritik besprochenen Band "Die Grenzen der Gerechtigkeit? dem Rawls-Skeptiker zur Lektüre.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 08.01.2011

Rezensentin Katharina Granzin würdigt den Philosophen und Wirtschaftswissenschaftler Amartya Sen als einen der "international einflussreichsten Vordenker globaler Demokratisierung" . Seinem Buch "Die Idee der Gerechtigkeit" bescheinigt sie bei der Diskussion der Frage der Gerechtigkeit einen pragmatischen Ansatz, dem es darum geht, Ungerechtigkeiten zu beseitigen. Sie rekapituliert Sens kritische Auseinandersetzung mit dem institutionell verankerten Gerechtigkeitsbegriff von John Rawls. Sens Argumentation gegen Rawls scheint ihr etwas "langatmig". Erhellend findet sie demgegenüber Sens Herleitung der Begriffe Recht und Gerechtigkeit aus altindischen Rechtssystem. Gegenüber Rawls konstatiert sie bei Sen eine Betonung der öffentlichen Vernunft, ja man kann das Buch ihres Erachtens auch lesen als Aufforderung zum Gebrauch der öffentlichen Vernunft, mittels der die Idee Gerechtigkeit immer wieder zu verhandeln ist.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 07.10.2010

Der Philosoph und Ökonomie-Nobelpreisträger unternimmt in seinem neuen Buch eine umfassende Neubetrachtung von John Rawls einflussreicher "Theorie der Gerechtigkeit" und stellt ihr seine "Idee der Gerechtigkeit" gegenüber, stellt ein gespannter Robin Celikates fest. Indem der in Harvard lehrende Autor sein Thema von verschiedenen Seiten her angeht, gewinnt das Buch, entwickelt dadurch aber auch durchaus "Schwächen", wie der Rezensent meint. Denn der Leser erfährt in instruktiven Beispielen und Betrachtungen viel zu den "Grundfragen der praktischen Philosophie", lobt Celikates. Dafür bleibe aber am Ende unklar, wie genau diese "Idee der Gerechtigkeit" aussieht, so der Rezensent. Der mit Martha Nussbaum entwickelte "Fähigkeitsansatz", der Gerechtigkeit nur im Zusammenhang mit den Fähigkeiten und Möglichkeiten des Menschen bemisst, scheint Celikates zwar durchaus überzeugend. Doch fehlt ihm in Sens Ansatz nicht nur die differenzierende Betrachtung von kurz- und langfristiger Gerechtigkeit, er attestiert den Ausführungen des Philosophen auch ein gewisses "Politikdefizit", wenn er zur Bekämpfung von Ungerechtigkeit lediglich vage auf "demokratische Verfahren hinweist.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 07.10.2010

Aus Sicht von Rainer Forst ist dieses Buch des in Harvard lehrenden Nobelpreisträgers für Ökonomie ein "wahrhaft philosophisches Panorama", das seinesgleichen sucht. Indische Weisheiten sah der Kritiker darin mit westlicher Philosophie in ein Verhältnis gesetzt, reale Geschichten mit abstrakten Gedankenexperimenten und theoretischen Debatten verknüpft. Auch bewundert der Kritiker die Fähigkeit dieses Denkers, Komplexes knapp darzustellen und auch noch mit einer Prise Ironie zu versehen. Es geht um die philosophischen Bemühungen, eine Struktur für die ideale gerechte Gesellschaft zu beschreiben, sowie die konkreten Lebensmöglichkeiten darin. Ein wenig bedauert der Kritiker, dass Amartya Sen seine Argumente zu stark an seiner einseitigen Leseart von John Rawls entlang entwickelt, der 1971 eine berühmte "Theorie der Gerechtigkeit" formulierte. Auch mangelt es den Untersuchungen nach Ansicht des Kritikers an konkret definierten Begriffen und Prinzipien, die auf eine Umsetzung der Ergebnisse von Sens Überlegungen angewandt werden könnten, die so für Forst - bei allen Verdiensten - ein wenig im luftleeren Raum stehen bleiben. Doch eine neue Runde des Nachdenkens über die Gerechtigkeit sei nun definitiv eröffnet.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.10.2010

Christoph Möllers hat Amartya Sens jüngstes Buch als die "Summe" seines bisherigen Wirkens aufgefasst und zeigt sich schon mal beeindruckt ob der Vielfalt der Themen. "Die Idee der Gerechtigkeit" ist deutlich durch die drei Interessensschwerpunkte bestimmt, die auch seine frühere Arbeit geprägt haben, nämlich die empirischen Untersuchungen zur Ursache von Hungersnöten, die sogenannte "Social Choice Theory", und dem gemeinsam mit seiner früheren Frau Martha Nussbaum entwickelten "Capability Aproach", stellt der Rezensent fest. Allerdings scheint er einen "echten roten Faden" im vorliegenden Buch zu vermissen, auch wenn ihn die reiche Fakten- und Anekdotenfülle darin augenscheinlich gefesselt hat. Möllers findet nicht nur in der Auseinandersetzung des Ökonomen und Philosophen mit Gerechtigkeitstheoretikern wie John Rawls oder Gerald Cohen, sondern auch in seinen eigenen, "realitätszugewandten  Ansätzen" zur Frage nach der Gerechtigkeit so etwas wie "blinde Flecken". Überhaupt funktionieren für den Rezensenten Sens Überlegungen für Einzelfragen besser als "allumfassende Synthese", gibt er zu. Seiner Bewunderung für die Souveränität, mit der der Autor in seinem Buch "kulturelle und konzeptionelle Unterschiede zur Kenntnis nimmt, tut das aber keinen Abbruch.
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