Alex Capus

Fast ein bisschen Frühling

Roman
Cover: Fast ein bisschen Frühling
Residenz Verlag, Salzburg 2002
ISBN 9783701712861
Gebunden, 175 Seiten, 17,90 EUR

Klappentext

Die wahre Geschichte der Bankräuber Kurt Sandweg und Waldemar Velte, die im Winter 1933/34 den Seeweg von Wuppertal nach Indien suchten. Zwei arbeitslose junge Burschen wollen 1933 aus Nazideutschland fliehen. Um sich das Reisegeld zu beschaffen, überfallen sie eine Bank, wobei sie versehentlich den Filialleiter erschießen. Auf der Flucht in den Süden kommen sie nicht weit: In Basel verliebt sich der eine in eine Schallplattenverkäuferin. Tag für Tag kauft er eine Tango-Platte, bis das Geld aufgebraucht ist und der nächste Banküberfall nötig wird. Abend für Abend gehen die drei am Rhein spazieren. Mit von der Partie ist eine junge Sportartikelverkäuferin, die dreißig Jahre später die Großmutter des Erzählers sein wird und die sich entscheiden muss zwischen einem Bankräuber und ihrem Verlobten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.04.2002

Rezensent Martin Halter findet, das teils dokumentarische, teils fiktive Buch über das Wuppertaler Verbrecherpaar, das 1934 in Basel kurz vor seiner Verhaftung Selbstmord beging, könnte eine "brauchbare Vorlage für ein Fernsehspiel" sein, aber mehr eben auch nicht. Immerhin, so meint er, hat der Autor mal wieder ein "glückliches Händchen" bei der Wahl seines Sujets bewiesen. Alles in allem gefällt Halter die Mischung aus Dokumentation, Erzählung und Autobiographie ganz gut. Er lobt Capus für seine "exakt recherchierten" Details und die gänzlich "unzynische Menschenfreundlichkeit", die in seiner Geschichte durchscheine. Dennoch kein "literarischer Hochsommer" bescheidet der Rezensent dann aber kategorisch, weil die beiden verbrecherischen Ingenieure "Scherenschnitte" ohne Tiefe bleiben und die Rahmenhandlung, in der sich der Autor als Enkel der Freundin der Freundin der Verbrecher einführt, nach Halter schlicht ein "Fremdkörper" bleibt.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 21.03.2002

Alex Capus' Romane verkaufen sich gut. Sehr freundlich besprochen werden sie, stellt Rezensent Karl-Markus Gauß gleich warnend fest, in der Regel nicht. Beides findet der Rezensent auch nicht unverständlich: Die "altväterische Manier", in der hier erzählt werde, sei vielleicht wirklich eher etwas fürs breite Publikum als für Kritiker. Dennoch hat sich Gauß diesmal offenbar entschlossen, freundlich zu sein. Dass man besonderes "kompositorisches Raffinement" bisher übersehen hat, will er freilich nicht behaupten, aber: Exzellent recherchiert sei diese Geschichte eines "spektakulären Kriminalfalls" aus dem Jahr 1933 schon, lobenswert auch die Geduld, die der Autor mit allen seinen Figuren an den Tag legt. Am besten gelungen ist ihm, meint der Rezensent, die Verknüpfung der autobiografischen Erzählergeschichte mit den recherchierten Ereignissen. Keine große Literatur, darf man hier wohl resümieren, aber allemal "beachtlich."

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.03.2002

Über Alex Capus kaltblütige Chronik, die auch noch spröde und gottlos verwirrend ist, wie Verena Auffermann schreibt, muss die Rezensentin lachen, obwohl sie weiß, dass sie sich eher gruseln müsste. Capus schildert die authentische Geschichte zweier junger Männer, die Hitlerdeutschland verlassen wollen und keinen Mord scheuen, um sich das zur Flucht nötige Geld zu beschaffen. Da plagen Capus große Fragen, findet Auffermann, die den bisher erschienenen drei Titeln des Schweizer Autors erzählerisch nicht allzu viel abgewinnen konnte. Kuriose Serienmörder aus dem wirklichen Leben feuern die Leserphantasie aber so richtig anfeuern, zumal Capus den Ton aufrichtiger Nüchternheit durchhält, stellt Auffermann fest. Ein bisschen aufdringlich stuft sie den Vergleich des Autors mit "Bonnie and Clyde" ein, mit dem er sein Buch als Filmvorlage präsentieren wolle. Aber so ist das nun mal mit Chroniken, und die Rezensentin hat selbst den Begriff der "Doku-Fiktion" ins Spiel gebracht.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 21.02.2002

Rezensentin Susanne Ostwald hat einen freundlichen aber unmissverständlichen Verriss geschrieben. Der "fleißige Arbeiter" Alex Capus habe zwar aus dem umfangreichen authentischen Material des authentischen Kriminalfalls ein "durchaus spannendes Buch zusammenmontiert", Literatur sei das jedoch keineswegs. Capus habe die Bankräuber in die Nähe amerikanischer Gangster der Depressionsära gerückt, "doch das Baselland ist nicht Oklahoma", bemerkt die Rezensentin kühl. Das eigentliche "erzählerische Potential" der Geschichte habe der Autor dagegen nicht ausgeschöpft. Psychologisches Gespür und doppelte Böden sind ihm fremd, den "Rapport-Tonfall" der Akten hat er lediglich mit " fiktionalen Banalitäten" angereichert, bedauert Ostwald. Sie empfiehlt Capus, sich künftig "stärker aufs Erzählen" zu verlegen. Dann könne der literarische Frühling vielleicht mit dem nächsten Buch Einzug halten.