Aharon Appelfeld

Die Eismine

Roman
Cover: Die Eismine
Alexander Fest Verlag, Berlin 2000
ISBN 9783828600683
Gebunden, 284 Seiten, 20,35 EUR

Klappentext

Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer. In der Bukowina, während des Zweiten Weltkriegs. Erwin und seine Freundin Ida, zwei junge Juden, die in einem Ghetto eingesperrt sind, hoffen auf bessere Zeiten. Als Ida schwanger wird, planen sie die Flucht. Doch Erwin wird in ein Arbeitslager am Bug verschleppt, in dessen eiskalten Fluten die Hoffnung ertrinkt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 13.06.2001

Aharon Appelfeld hat seine Romane aus der eigenen Erfahrung geschrieben. 1932 wurde er in der Bukowina geboren, lebte im Ghetto Czernowitz, flüchtete später aus dem Konzentrationslager, schloss sich 1944 der Roten Armee an und emigrierte nach dem Krieg nach Palästina, informiert Dorothea Trottenberg. Die jüngst erschienenen beiden Romane über das Überleben zweier Juden möchte er als "Saga jüdischer Traurigkeit" gelesen wissen, nicht als historisches Zeugnis, berichtet die Rezensentin. Als Historiker hat er sich darin auch zurückgehalten, meint Trottenberg, was den Geschichten selbst eine umso beklemmendere Atmosphäre verleihe. Für die Rezensentin ist der Autor ein hebräischer Erzähler, der seine Wurzeln in der europäischen Moderne sieht und in der Tradition von Samuel Beckett, Franz Kafka und Franz Werfel steht.
1) Aharon Appelfeld: "Die Eismine"
In "Die Eismine" stellt der Autor den Juden Erwin in den Mittelpunkt der Erzählung. Er überlebt zwar Ghetto und Lagerleben, aber nicht als der, der er einmal war. Die Erfahrung der sozialen Isolierung, Stigmatisierung, Zwangsarbeit und Deportation werden hier sehr eindringlich beschrieben, von einem, der die Perspektive seiner Figuren einnimmt, ohne als um das Ende wissender Erzähler zu fungieren und damit eine Distanz zwischen Leser und Figuren aufzubauen, meint Trottenberg. Ohne Pathos habe Appelfeld hier die Leiden des Lagerlebens beschrieben, in einem nüchternen und klaren Stil. Beinahe unterkühlt, so die Rezensentin, doch der Schrecken ist für sie zwischen den Zeilen sehr deutlich geworden.
2) Aharon Appelfeld: "Für alle Sünden"
Diesen Roman, bereits 1993 und 1996 auf Deutsch erschienen und jetzt noch einmal neu aufgelegt, hat die Rezensentin als eine Art Fortsetzungsroman zu "Die Eismine" gelesen, obgleich das Werk früher erschienen ist. Denn er spielt in der Zeit nach der Auflösung der Lager und thematisiert das, was der Jude Erwin am Ende von "Die Eismine" anspricht: Die Entwurzelung und Desorientierung der Displaced Persons, zu denen auch der Protagonist in "Für alle Sünden", Theo, gehört, der versucht, nach Kriegsende die traumatischen Erinnerungen an das Lagerleben abzuschütteln und ein "normales" Leben zu führen. Fremdheit, existentielle Einsamkeit und Unbehaustheit sind für Theo, schreibt Trottenberg, zu einer beklemmenden Realität geworden. Wie für den Autor, fügt die Rezensentin an, der nie mehr in seine Heimat zurückgekehrt ist.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 27.02.2001

Für Meike Fessmann steht in diesem Buch das Thema des "plötzlichen Bewusstwerdens" im Vordergrund, die Augenblicke, in denen einem Menschen schlagartig bestimmte Situationen klar werden und in denen er mit einem Mal "jede Hoffnung und damit den Halt verliert". Daher ist für die Rezensentin auch weniger die Rahmenhandlung des Romans von Bedeutung, in der es um das Dasein im Gefangenenlager geht, sondern das Verhalten der Betroffenen, etwa das absichtliche Schaffen von Illusionen, die Mechanismen, die ein Erhalten des Lebensmutes ermöglichen, wobei notwendigerweise der Zeichnung der Figuren eine große Bedeutung zufällt. All dies scheint dem Autor nach Fessmann auf beeindruckende Weise gelungen zu sein. Lediglich die sprachliche Brücke, die über einen "kategorialen Bruch" geschlagen werden soll (wenn es um die Verbindung zwischen dem Leben im Lager und dem früheren Leben geht), sei dem Autor nicht wirklich geglückt.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 28.10.2000

Appelfelds bisherige Romane hatten die "Vor- und Nachgeschichte der Judenverfolgung und der Vernichtung" zum Gegenstand, nun schildert er erstmals - teilweise autobiografisch - "das Leben im Ghetto und in einem Arbeitslager", so Rezensentin Marie Luise Knott. Die Erzählung beginnt mit der Geschichte einer Liebe, die mit dem Transport des Ich-Erzählers ins Lager abrupt endet. Hier nun endet, in den Worten Knotts alles "Miteinander der Menschen". Alleingelassen, ohne Erklärungen und Sinn, haben die Gläubigen und Kommunisten noch am meisten Kraft, aber das ändert nichts an der Verlorenheit des Einzelnen: der Autor, so die Rezensentin, "hat in seinen Romanen die Einsamkeit und Kälte zur generellen Erzählperspektive erhoben." Darin sieht sie eine entschiedene Qualität und bescheinigt Appelfeld die Originalität einer "äußerst einprägsamen fremden Stimme".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 18.10.2000

Heinz Ludwig Arnold charakterisiert den aus Czernowitz stammenden Autor zunächst als "einen der bedeutendsten Erzähler der hebräischen Literatur", der in zahlreichen Romanen die Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg, also vor und nach Ghetto und Lagern geschildert habe. Hier nun geht es erstmals um das Lager selbst. Arnold betont, dass es sich dabei nicht um einen autobiographischen Bericht handelt, sondern um eine im Präsens erzählte "epische... Erinnerung einer fundamentalen, das Leben der Erfahrenden eisig unterminierenden Traumatisierung". Obwohl der Roman sehr realistisch erzählt sei, hat er nach Ansicht des Rezensenten "symbolische Gültigkeit". Wichtigstes Stilmittel ist dabei nach Arnold, dass der Roman im Präsens erzählt ist, was er als ein simples und kraftvolles Mittel darstellt, von einer Vergangenheit zu erzählen, die nicht vergeht. Die Einsamkeit von Appelfelds Lagerinsassen verweist dabei für Arnold schon auf jene traumatisierte Einsamkeit, die Appelfelds Figuren in seinen in Israel spielenden Romanen kennzeichne.