Adolf Muschg

Das gefangene Lächeln

Eine Erzählung
Cover: Das gefangene Lächeln
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002
ISBN 9783518413517
Gebunden, 160 Seiten, 18,90 EUR

Klappentext

Hat Josef vor bald fünfzig Jahren die Frau, die er zu lieben glaubte, umgebracht? Diese Geschichte kann er keinem Sechsjährigen erzählen. Also schreibt er dem Enkel einen langen Brief, den dieser in zwanzig Jahren einmal erhalten soll. Dann wird er lesen können, wie Josef auf sein Leben zurückblickt - nicht mit Stolz und Gefühlen des Glücks. Aufgewachsen in einem Klima von falscher Moral und Kälte, flüchtet er aus dem Elternhaus, um sich in der eigenen Generation eine neue Familie zu suchen. Was ihm in den Milieus der fünfziger und sechziger Jahre zustößt, mündet in jene schreckliche Tat, die Josef aus der Bahn wirft. Er flieht in die Ferne, bis nach Ägypten. Und dort begegnet ihm eine Frau, die sein Scheitern unverhofft beendet...

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.11.2002

Ist nicht Josef, der Zimmermann, der zweite Esel in der Weihnachtsgeschichte, fragt Gregor Eisenhauer mitfühlend? Mitleid oder eine Form von Gerechtigkeitssinn muss auch Adolf Muschg dazu getrieben haben, die Legende von der unbefleckten Empfängnis aus Josefs Perspektive, "aus der Sicht des Verlierers", wie Eisenhauer meint, neu zu erzählen, in Form eines an den Enkel gerichteten und in heutige Zeiten verlagerten Briefromans. Das ergibt bei Muschg mehr Tragödie als Komödie, merkt Eisenhauer an, auch wenn die Plünderung der biblischen Vorlage zumindest dezent subversiven Umgang damit voraussetze. Die biblische Erblast sei das eine, führt Eisenhauer fort, das andere die epische Erblast in Gestalt von Thomas Manns Joseph-Roman, der natürlich viel ausgeprägter von "belletristischer Opulenz", stilistischer Eleganz und untergründigem Humor zeuge. Heruntergestuft sei all das bei Muschg vorhanden, räumt Eisenhauer ein, selten gleite Muschg ins Epistolarische ab. Die Botschaft des Autors werde auch so deutlich, meint er, "sich der Erbsünde zu entledigen", was heiße, sich seiner Herkunft bewusst zu sein und sich von ihr zugleich zu befreien. Siehe Übervater Thomas Mann.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2002

Kristina Maidt-Zinke findet diese Erzählung, in der ein Großvater namens Josef seinem Enkel seine Lebensgeschichte als Brief zum späteren Lesen vermacht, schon fast "übermütig abstrus" und durch jede Menge symbolträchtige Namen und "mythologische Muster" beinahe überfrachtet. Sie hat bei dem Schweizer Autor schon öfter den Hang bemerkt, seelische Leiden als Ursache für ein schwieriges Leben zu schildern, die von Muschg dann gern literarisch geheilt und therapiert würden. Auch hier hat der Autor dieses Prinzip "entwaffnend vordergründig" angewandt, so die Rezensentin etwas spöttisch. In den Ausführungen zur Sexualmoral der Jugend des Protagonisten sieht sie die Tendenz zum "sittengeschichtlichen Dokument", was, wie Maidt-Zinke zu Bedenken gibt, der literarischen Form nicht unbedingt zuträglich ist. Zudem moniert sie, dass der sowohl anekdotische als auch pädagogische Ton nicht unbedingt gut für den "Stoff" ist. Schließlich beklagt sie an der Erzählung den Mangel an "innerer Notwendigkeit" und urteilt, dass das Schreiben als Therapie einfach nicht immer für einen literarischen Text ausreicht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2002

Der Plot geht so: Josef, Architekt und von "rabiatem Christentum", findet nach der Rückkehr von einer langen Reise seine unberührte Verlobte Magda schwanger vor. Er schlägt sie tot, wie er glaubt, und flieht, heiratet eine andere, steinreiche Frau und wird Baulöwe. Vierzig Jahre später erfährt er, dass Magda seine Schläge überlebt hat und soeben erst verstorben ist. Er schreibt Briefe an seinen Enkel, in denen er alles erklärt. Eher unerklärt bleibt, was genau das ganze mit dem in sich verschlungenen Möbiusband zu tun hat, dessen Herstellung der Rezensent Eberhard Rathgeb so ausführlich beschreibt. Es scheint die zentrale Metapher (ja: das "geheime Sinnbild") des Buches und zwar für die Unzertrennlichkeit des auf immer geschlossenen Ehebundes. Wie dem auch sei: der Rezensent findet das Buch "gewitzt" und wie wir uns ein Möbiusband basteln, erfahren wir auch.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2002

Der Name Josef Kaspar Kummer passt zum Protagonisten, und er passt zu seinem Erfinder, findet Gabrielle Killert. Kummer ist ein Mann, der sein Glück unverdient findet. Der lieber Kummer hätte. Muschg ist ein Schriftsteller, der mit Vorliebe Helden erfindet, die alles dafür tun, um mit Killert zu reden, das Glück "erfolgreich abzuwehren". Die Grundkonstellation ist also wie sonst auch in seinen Büchern, dennoch ist Killert von diesem neuesten Produkt aus dem Hause Muschg nicht ganz überzeugt. Da habe sich eine Predigernote, ein Besserwisserton eingeschlichen, bedauerliche Bedeutungshuberei, die nicht allein mit dem weisen Alter des Protagonisten zu erklären sei, der seinem Enkel die Welt und seine Lebensgeschichte erklären will. Vielleicht liegt es ja an der gewählten Form eines Briefromans, meint Killert, die zu Sentimentalität verführe. Der Erzähler Muschg hat sich jedenfalls nach Killert von der "Kanzelberedsamkeit" seiner Figur regelrecht austricksen lassen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 22.08.2002

Dem Buch bescheidet Roman Bucheli "Szenen von ergreifender Intensität und anrührender Intimität". Wie Muschg seinen Helden Joseph den "Josephsweg" gehen lässt, ihn mit einem Schicksal beschwert, das sich erfüllen muss, und ihn sich in dies Schicksal fügen lässt, wobei sich eben an dieser Ergebenheit, wie Bucheli schreibt, Muschgs Gestaltungskraft entzündet: "Das holt - literarisch, sprachlich - das Beste aus ihm heraus" - das hat dem Rezensenten gefallen. Erinnert haben ihn die "heiter-entschiedenen Abschiedsgesten" im Buch an Frischs "Der Mensch erscheint im Holozän". Was Bucheli nicht daran hindert, die "freudlose Lebensgeschichte", die Muschg Joseph als Konfession für seinen Enkel aufschreiben lässt, ob ihrer gelegentlichen Ausuferungen zu bemängeln, wenn sie sich "mit Anekdotischem aus der Studienzeit" vermengen, "was nicht nur entbehrlich scheint, sondern der Erzählung ein unbekömmliches inneres Gefälle gibt".

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